Zeitung Heute : Ein ungeheurer Verdacht

Amani, acht Jahre, ist tot: Kehle aufgeschlitzt. Die Mutter sitzt in Haft. Ist sie die Mörderin?

Jörn Hasselmann Annette Kögel

Es gibt keine größere Liebe als die einer Mutter zu ihrem Kind.

Mütter töten ihre Kinder auf unfassbare Weise.

In diesem Fall sieht es nur auf den ersten Blick so aus, als könne bloß eine dieser Wahrheiten wirklich wahr sein.

Drei Tage, nachdem das Mädchen Amani, acht Jahre alt, mit aufgeschlitzter Kehle auf einer Parkbank im Berliner Stadtteil Wilmersdorf gefunden wurde, hegen die Ermittler der 4. Mordkommission einen ungeheuerlichen Verdacht: Der Täter war demnach kein fremder Geistesgestörter, kein Gewalttäter, der dem Mädchen aufgelauert hat. Die Mutter selbst steht unter dringendem Tatverdacht: Techua K., 32 Jahre alt, Akademikerin.

Die Polizei hatte sie schnell im Fokus. Techua K. war nach dem Tatzeitpunkt 36 Stunden lang verschwunden; der seit gut zwei Jahren von ihr getrennt lebende Vater hat sie belastet. Er hatte das Bild seiner inzwischen toten Tochter in der Zeitung gesehen. Am späten Sonntagabend wurde die Mutter in der Nähe des Tatorts aufgegriffen. Gestern erließ ein Haftrichter Haftbefehl wegen Mordes.

Es gab Mütter, die ihre Babys verhungern ließen und in Tiefkühltruhen versteckten. Es gab eine Mutter, die vergrub ihre toten Babys in Blumenkästen. Und nun, eine Mutter, die ein Kind acht Jahre lang aufzieht, und ihm dann die Kehle durchschneidet?

Wohlgemerkt, es ist bisher lediglich ein Verdacht. Doch er reicht aus, dass eine der besten Freundinnen der Mutter nahe Amanis Schule auf der Mittelinsel am Ampelübergang steht und weint. „Nein, das kann nicht sein“, sagt sie, „sie hat ihre Tochter über alles geliebt.“ Links und rechts tosen Autos vorbei, aber hier steht das Leben gerade still. Die Frau zeigt auf eine rote Bank ganz in der Nähe. „Dort haben wir immer gesessen und über die Kinder geredet, wenn wir sie von der Schule abgeholt haben. Amani und meine Tochter gehen in dieselbe Klasse.“ Sie sagt das im Präsens, als ob die Kleine noch lebte. Und dann erzählt sie etwas, was die mögliche Tat der Mutter noch rätselhafter machen würde: Für Techua sollte das Leben neu beginnen, sie habe bald neu heiraten wollen.

Deutschlands Ermittler bearbeiten jedes Jahr 50 Fälle, in denen Eltern – meist Mütter – ihr Kind töten. „So eine Tat begehen Mütter in allerhöchster Verzweiflung aus grenzenloser Überforderung“, sagt die Berliner Psychologin Ulrike Maetzig. Wenn die Frauen keinen Ausweg mehr sähen. Oft seien die Täterinnen psychisch krank, litten etwa unter Schizophrenie.

Ein Arzt allerdings bescheinigte Techua K. am Montag, dass sie vernehmungs- und haftfähig sei. Im Moment sind über die Hintergründe der Tat nur Spekulationen möglich. Die Tatwaffe – wahrscheinlich ein Messer – ist noch nicht gefunden. Die Polizei lässt nur wenige Hinweise nach außen.

Sicher ist, dass Mutter und Kind erst vor drei Wochen in ein Heim des Bezirks gezogen sind. Möglicherweise war die schwarze Deutsche, die studiert hat und deren Muttersprache Deutsch war, über den eigenen sozialen Abstieg grenzenlos verzweifelt. Oder sie habe, so eine andere Spekulation, mit der Verletzung des Kindes dem ehemaligen Partner wehtun wollen.

Amanis Vater Eddie hatte sich von seiner Frau vor Jahren getrennt. Vor der Schule und auch im Wohnheim ließ er sich nicht blicken. Er soll nachts viel unterwegs gewesen sein, in einer Diskothek arbeiten, dem Tam-Tam, einem afrokaribischen Nightclub in der Wiener Straße.

„Techua ist ganz liebevoll mit Amani umgegangen“, sagt Amanis Tante. Zuletzt hat sie ihre Schwägerin Silvester gesehen, als diese mit Amani zu Besuch gekommen sei. Das Mädchen habe mit ihren drei eigenen Kindern gespielt. Das Schwierigste sei jetzt, das Unfassbare den eigenen Kindern beizubringen.

Am Freitag, dem vorletzten Tag des kurzen Lebens der kleinen Amani, muss etwas geschehen sein. „Amani wirkte ganz bedrückt. Als ich sie fragte, was passiert sei, sagte sie mir, sie darf das nicht erzählen“, sagt die Freundin der Mutter. Sie sagt auch, sie sei nie bei ihr zu Hause gewesen. Die Tochter durfte keine Klassenkameradinnen mit nach Hause bringen. An Grillabenden im Wohnheim saß Techua K. oft abseits.

Die kleine Amani spielte derweil mit den Nachbarskindern. Erwachsene sagen, sie habe immer gelacht. Die Kinder haben eine andere Amani gekannt. Wenn sie Fangen gespielt haben, war die Achtjährige nicht gern an der Reihe. Ganz allein dastehen, die Augen zumachen, und dann die anderen suchen, Amani gegen den Rest der Welt, das behagte ihr nicht.

Trost suchte sie bei ihren Kuscheltieren. Die Diddlmaus, die Mickeymaus, Symbole unbeschwerten Kinderglücks, die hat sie geliebt. Als Kuscheltier oder auch als Bild auf ihrem T-Shirt. Manchmal hat sich Amani auch die Kapuze ihrer orangefarbenen Lieblingsjacke über den Kopf gezogen und gerappt, dann blühte sie auf, sagten ihre Mitschüler. Aber einer sagt auch: „Amani ist oft gestolpert und hingeflogen, einfach so.“

Es scheint, als hätte Amani keinen festen Boden unter den Füßen gehabt.

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