Zeitung Heute : Ein unmoralisches Angebot

MEIN KLASSISCHES LEBEN

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Von Christine Lemke-Matwey

Es gibt Angebote im klassischen Leben, die schlägt man nicht aus. Eine Woche Puerto Rico mit den Münchner Philharmonikern beispielsweise, obwohl es weit und heiß und klebrig ist – und der Geist von Pablo Casals, dem Wahlpuertoricaner, längst verweht. Oder ein paar Tage Baltikum mit einem schwäbischen Kammerorchester – dem „woisch“ und „noi“ und „häsch“ im Komfortreisebus zum Trotz. Oder 18 Stunden Houston, wo Bob Wilsons Theater auch nicht anders aussieht als in Anklam oder Paderborn. Oder eben: ein Interview mit Jessye Norman im Salzkammergut. Zumal das Salzkammergut seit jeher dem Paradies und also der Sintflut nahe ist, zumal alle Saiblinge gegessen sein wollen, und schon Helmut Kohl und der Kaiser Franz Josef befanden, dass einem im Schnürlregen die allerbesten, segensreichsten Gedanken kommen.

Das Angebot stand. Allein trotz aufwändigster Recherche und mehreren Kilo PR-Materials wollte mir nicht einfallen, was ich die Primadonna von Tschenstochau fragen könnte. Jessye Norman hat ihr Leben lang gesungen, und natürlich besaß ihr Sopran in guten Zeiten ein Timbre wie frisch gemahlener Teer, so süßherb und heißkalt und duftig, und natürlich spricht sie, die 1968 den ARD-Wettbewerb gewann, prächtig Deutsch, und natürlich schwärmt sie von Bob Wilson, der für ihren Auftritt, äh, Aufsitz in Schönbergs „Erwartung“ eigens eine kolossale Marmorbank entwarf, die noch heute im Foyer des Großen Salzburger Festspielhauses steht. Frage sie, ob sie alles aufisst, was auf den Teller kommt, feixte ein besonders witziger Kollege. Frage sie, was sie mit ihrer Kunst sagen will, lästerte ein anderer.

Frau Norman residierte damals im Schlosshotel Fuschl am Fuschlsee. Da ich, dort angekommen, vor Einfallslosigkeit schwitzte, beschloss ich, schwimmen zu gehen. Das Wasser war samtweich und glasklar, die Saiblinge küssten meine Knöchel, und ich schwamm und schwamm. Hinter der dritten Biegung tauchten die ersten Giebel des Schlosses auf. Die Saiblinge wurden mürrischer, das Wasser grüner, ich schwamm und schwamm, da kreuzte eine Jolle meinen Weg. Darin: Ein kleiner Mensch, der ruderte, und ein großer, der thronte. Ich schluckte Wasser. Die „schwarze Göttin“ persönlich! Jetzt war alles aus. Sollte ich rufen, hi, Misses Norman, so feucht, gulp, habe ich mir unsere Verabredung, gluck, gar nicht vorgestellt, und was meinen Sie eigentlich, wenn Sie sagen, wie ich mehrfach gelesen habe, ein Pianissimo sei ein Pianissimo sei ein Pianissimo? Sollte ich nach der Uhrzeit fragen, Wadenkrämpfe vortäuschen, laut um Hilfe schreien? Nichts davon, natürlich. Ich blieb stumm wie ein Fisch und rettete mich mit bleiernen Flossen zurück ans Ufer. Das Interview habe ich aus Erschöpfung abgesagt. Es gibt eben Angebote im klassischen Leben, die schlägt man besser aus.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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