Zeitung Heute : Ein Veilchen am Wegrand

Der Tagesspiegel

Auf einer kleinen Straße in Friedenau, der Bachestraße, begegnete ich dieser Tage einem Kollegen. Nach dem üblichen wie geht’s und ob ich noch immer bei derselben Zeitung , er noch bei seiner Zeitschrift sei, nahm das Gespräch seinen unter Journalisten üblichen Gang, dessen Richtung der Kollege sogleich zur abschüssigen Haushaltslage Berlins (er redete nur von der Hauptstadt) lenkte. Ich lief gesenkten Kopfes neben ihm her. Seitdem ich vor allem von zugestoßenen jungen Kollegen aus westdeutschen Regionen höre, wir Alt-Berliner hätten tief in der verschnarchten Provinz –, also West-Berlin – auf Kosten streb- und arbeitsamer Bundesbürger gelebt, neige ich das schuldbeladene Haupt unter solcher Abrechnung. Und als der Kollege gerade bei einer ganz neuen , auf seiner jüngsten Pilgerreise nach Amerika aufgeschnappten Idee einer Überführung Berlins in alleinige Bundesregie angelangt war, mit keinem Regierenden oder anderen Bürgermeister, nur noch einem Berlin-Beauftragten, entdeckte ich auf dem Gehwegrand, dicht am Mäuerchen zum Vorgarten des Hauses Bachestraße 3, ein einzelnes Veilchen. Es zitterte im geringen Luftzug, und das Blau seiner Blüte war mit staubfeinen Sandkörnchen, die Regentropfen aufgepeitscht hatten, bedeckt. Ich blieb stehen.

Der Kollege war noch von den Wogen seiner amerikanischen Kaltwelle für Berlin um einige Meter auf der Bachestraße weitergetragen worden, als er merkte, dass ich hinter seinen Berlinplänen zurück geblieben war und aufs Gehwegpflaster schaute: Was ist los? Hundescheiße? Ich wies ihn stumm aufs zitternde Veilchen hin. Er kam zurück und bemerkte obenhin: Ein Veilchen. Na und? Ist ja jetzt wohl die Zeit dafür. Und machte Anstalten, weiterzugehen und weiter zu dozieren, wie Berlin von den hauptstadtunwürdigen Berlinern getrennt und verbundelt werden müsste, um endlich hauptstädtisch zu werden. Für einen wie ihn, einen strebsamen Tatmenschen, hat alles seine geldwerte Zeiteinteilung. Mir war klar: Dies ist kein Freund, mit dem du dich selig vor der Welt ohne Hass verschließen kannst, um mit ihm zu genießen. In solchen gedanklichen Ausflug versunken, fragte mich der Hauptstadt-Retter: Was ist los mit dir, Ärger gehabt? Nee, Freude. Er schwieg irritiert. Nun tat er mir fast leid. Er ist ja ein netter Kerl, immer à jour, so ein Hans Dampf in allen finstren politischen Gassen, doch hier in der Friedenauer Nebenstraße verließ ihn der Sinn fürs Wesentliche. Und das bestand in einem vereinzelt am Wegrand blühenden Veilchen. Es zitterte so leis’, dass man sich ihm schon entgegenbücken, nein: neigen musste, um das zu erkennen. Es wurzelte zwischen zwei Mosaiksteinen. Der Kollege ging mit flüchtigem Gruß seiner Wege. Die Hauptstadt erwartete ihn mit Unruhe.

Ich blieb noch über das Veilchen geneigt und stellte mich vor eine schwierige Entscheidung: Soll ich das zitternde Blümchen pflücken und mitnehmen oder stehen lassen? Pflücken bedeutete, es vor einem Fehltritt zu bewahren. Andrerseits hat es doch auch einen Reiz, täglich nach ihm zu schauen. Also sagte ich: Bleib stehen, zittre nicht vor mir, du veilchenblaues, sandbestäubtes Veilchen. Ich werde täglich nach dir sehen kommen. Stehst ja an meinem Wege. Und ich sah täglich nach, bis zum Gründonnerstag, dann ging ich auf eine kleine Osterreise. Ich sah, dass kein Tritt das Veilchen zermalmt, niemand es gepflückt hatte. Es gehörte schon zur Straße. Gewiss, auch ein Veilchen hat seine bemessene Frist, aber diese kleine Weile zu nutzen, darauf kommt’s an, das allein wiegt. In einer Vase wäre das Veilchen längst verblüht. Es lehrte mich, nie etwas bedenkenlos an sich zu reißen. Das gilt im Zarten wie im Groben: Wer versucht, Berlin den Berlinern zu entreißen, um es zu verbundeln, kommt bestenfalls mit einem blauen Auge davon, einem Veilchen.

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