Zeitung Heute : Ein Verbot des Werks hilft heute niemandem mehr (Kommentar)

Hans Monath

Ist das tätsächlich ein Skandal? Der Leiter des "Simon-Wiesenthal-Instituts" in Jerusalem will eine empörende Entdeckung gemacht haben: Deutsche können Hitlers Programmschrift "Mein Kampf" im Internet ordern. Und an einer amerikanischen elektronischen Buchhandlung, die das Werk im Netz anbietet, ist der deutsche Medienkonzern Bertelsmann beteiligt. Richtet also dieses Buch, das weltweit so bekannt wie ungelesen ist, in Deutschland mehr Schaden an als etwa in Dänemark oder in den USA? Und ist der Verkauf verwerflicher, wenn der Medienkonzern, der daran verdient, sich zum Teil in deutschem Besitz befindet?

Das Brisante an Hitlers "Mein Kampf" ist heute längst nicht mehr die Neuigkeit der Gedanken, die der spätere Diktator in der Festungshaft von Landsberg zu Papier brachte. Die Ideen haben ihre schlimme Wirkung entfaltet, als die Nationalsozialisten sie wenig später verwirklichten. Heute hängen einige wenige Menschen diesen Ideen noch an. Und das wird in aller Regel auch keine Folge sorgfältiger Lektüre sein.

Es ist verständlich, dass die Deutschen der Nachkriegszeit als anfällig für NS-Ideologie galten und vor dem Einfluss Hitlers geschützt werden sollten. Heute spricht nichts mehr für die Behauptung, Bürger der Bundesrepublik seien durch die Lektüre des nationalsozialistischen Klassikers leichter infizierbar als solche anderer Nationen. Nach der Logik dieser Behauptung müsste der Bundestag möglichst schnell die Gesammelten Werke Lenins und Stalins in den neuen Ländern verbieten, weil dort noch die meisten ehemaligen SED-Bonzen leben.

Ist also der Verdacht gerechtfertigt? Sind die Deutschen tatsächlich durch ein Buch gefährdet, dessen menschenverachtenden Inhalt jeder zusammenfassen kann, der eine Schule besucht hat? Das bayerische Finanzministerium als Rechtsnachfolger der NSDAP und Hitlers erteilte nicht einmal dem renommierten Münchner Institut für Zeitgeschichte eine Abdruckgenehmigung. Dessen kürzlich fertiggestellte zwölfbändige Edition von Hitlers Reden, Schriften und Anordnungen der Jahre 1925 bis 1933 musste deshalb ohne das Hauptwerk des Politikers auskommen. Eine antisemitische Rede Hitlers ist nicht weniger gefährlich als sein antisemitisches Buch. "Mein Kampf" aber bleibt verboten, weil es inzwischen zum Mythos geworden ist. Doch einen Mythos bekämpft man nicht durch Verbote und Tabuisierung, sondern durch einen gelassenen Umgang mit der gewünschten Verklärung.

Der Bertelsmann-Konzern steht in der Debatte um "Mein Kampf" unter besonderem Druck: Kritiker werfen der Firma vor, sie habe ihre Geschichte im "Dritten Reich" beschönigt. Deshalb werden die Medien-Manager überlegen: Schadet es dem Unternehmen, wenn eine Firma, an der Bertelsmann beteiligt ist, auch "Mein Kampf" vertreibt? Aber das ist eine Geschäftsentscheidung. Die Entscheidung über die rechtliche Tabuisierung von Hitlers Buch ist eine der Politik. Und die einer Gesellschaft, die längst selbstsicher genug ist, sich nicht über jeden Generalverdacht aufzuregen. Es ist Zeit, dass der Klett-Verlag eine Studien-Ausgabe von "Mein Kampf" auflegt.

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