Zeitung Heute : Ein verlachtes „Eyland“

Die Kulturlandschaft zwischen Oder und Elbe hat eine bewegte Vergangenheit – und ist heute ein wertvolles Erbe

Helmut Caspar

Sand, Kiefernwälder und viel Wasser, langweilige Dörfer, unbedeutende Städte, verlassene Burgen und Klöster – die Vorstellungen von der Mark Brandenburg sind alt, und sie stimmen nicht. Keiner hat das besser gewusst als Theodor Fontane, der vor 150 Jahren die Mark Brandenburg durchwanderte und gegen solche Vorurteile anschrieb. Indem er die Bewohner der Region und die Geschichte zu Zeugen aufrief, führte er den Nachweis, dass zwischen Elbe und Oder nicht nur ungehobelte Haudrauf-Menschen lebten, sondern dass es seit dem Mittelalter ein reichhaltiges Kulturleben gegeben hat. Das war geprägt von musisch interessierten Herrschern und adligen Gutsherren, gelegentlich auch durch ein selbstbewusstes Bürgertum mit einem Hang zu Schönheit, Harmonie und Bildung. Ihnen standen phantasiebegabte Architekten, Bildhauer und Landschaftsgärtner zur Seite.

Zur Zeit des römisch-deutschen Reichs wurde die Mark als Streusandbüchse der Nation verlacht. Dieses Verdikt traf die Hohenzollern, und sie versuchten mit beträchtlichem Aufwand, den Makel der Bedeutungs- und Kulturlosigkeit zu beseitigen. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm verfolgte nach dem Dreißigjährigen Krieg konsequent das Ziel, aus dem „Eyland“, das ihm anvertraut war, einen Paradiesgarten zu machen. Dazu bediente er sich niederländischer und französischer Zuwanderer, die sich auf Städte-, Kanal- und Gartenbau verstanden und den Märkern feine Umgangsformen beibrachten.

Unter Friedrich II. rückte die Monarchie, die 1701 den Rang eines Königreichs erhielt, mit Waffengewalt zu einer europäischen Großmacht auf, der man selten Freundschaft, aber wenigstens Respekt entgegen brachte. Berlin, die Haupt- und Residenzstadt, und seine aufsässigen Bewohner waren für das Herrscherhaus uninteressant. Regiert wurde in Potsdam. Sanssouci wurde für längere Zeit das Herz der Monarchie. Die Königin Luise schwärmte vom „göttlichen Sanssouci“, ihr Sohn Friedrich Wilhelm IV. versuchte, einen Hauch von Italien nach Potsdam zu bringen. Dieser Plan wurde nur unvollkommen verwirklicht, doch was Pückler, Persius, Schinkel, Lenné und andere erreichten, macht den besonderen Charme der „Insel Potsdam“ aus, die seit einigen Jahren auf der Liste des Weltkulturerbes steht.

Doch die brandenburgische Kulturlandschaft bietet mehr als Sanssouci, den Neuen Garten, Babelsberg und die Anlagen in Glienicke. Hinzu zu rechnen sind etwa die ehemaligen Hohenzollernschlösser und Parks in Caputh, Grunewald und Königs Wusterhausen, in Köpenick, Oranienburg, Paretz, Rheinsberg und Sacrow. Auch die Burgen, Landschlösser und Parks des märkischen Adels, die großen Dome und Stadtkirchen, die Klöster in Angermünde, Chorin und Lehnin verweisen an frühe Besiedlung und ein reiches christliches Leben. Die Auswahl wäre unvollständig, würde sie nicht auch auf recht vollständig erhaltene Stadtbefestigungen zwischen Bernau und Wittstock hinweisen oder technische Denkmale wie das Schiffshebewerk in Eberswalde-Finow oder die zum Museum umgestaltete alte Eisengießerei in Peitz einschließen.

Die Mark Brandenburg hat im Zweiten Weltkrieg unendlich viel verloren – und nach 1945 musste sie durch die von den Kommunisten befohlene Bilderstürmerei unter dem Motto „Krieg den Schlössern“ weitere herbe Verluste hinnehmen: etwa das Potsdamer Stadtschloss, die Garnisonkirche oder das markgräfliche Schloss in Schwedt. In der DDR ging durch mangelhafte Pflege dieses Erbes noch mehr verloren – doch Not hat im Osten auch „konserviert“: Hätte man größere „Baukapazitäten“ gehabt, wären wohl weitere Zeugen der Vergangenheit durch Plattenbauten ersetzt worden.

Vom gefährdeten Erbe der Vergangenheit hat vieles die Wendezeiten überstanden und kam in den frühen 1990er Jahren in den Genuss großzügiger Bauförderung durch den Bund. Doch auch diese Hilfen sind verebbt, und in Zeiten leerer Kassen drängt sich die Frage auf, wie das Erbe der Vergangenheit kommenden Generationen unbeschädigt weitergegeben werden kann. Immerhin, sanierte Städte, Dörfer und Bauwerke sind gut für den Fremdenverkehr und bringen Geld ins Land – sie sind auch ein Wirtschaftsfaktor, und der ist heute wichtiger denn je.

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