Zeitung Heute : Ein Versagen der Erziehung

Richard Schröder

TRIALOG

Der Tagesspiegel und die „Frankfurter Rundschau“ bemühen sich um eine korrekte Liste der Todesopfer „rechter Gewalt“ seit der Deutschen Einheit. Sie kommen auf 99, während das Bundeskriminalamt nur 39 angibt. Das riecht nach Vertuschung und Verharmlosung des Rechtsradikalismus. Es geht dabei um die Motive, und davon hängt in der Tat ab, was dagegen zu tun ist. Es macht einen Unterschied für die Therapie, ob Pest oder Cholera diagnostiziert wird.

Meist handelt es sich um Verbrechen in den neuen Bundesländern, deshalb die Zählung seit der Deutschen Einheit. Junge Männer machen sich gemeinschaftlich spontan und oft unter Alkohol über Ausländer, Behinderte oder Obdachlose her und quälen sie brutal zu Tode. Manchmal kennen sie das Opfer. So beim neuesten Fall in Naumburg. So auch im Fall des Marinus Schöberl in Potzlow/Brandenburg. Marinus hat einen Sprachfehler, blondierte Haare und Schlaghosen an. Er kommt in eine Gesellschaft von Glatzköpfen. Was sich dann über vier Stunden an Torturen abspielt – anfangs sind noch zwei Erwachsene in der Wohnung! –, ist eine sadistische Orgie, die ich mir nicht ausdenken könnte. Die Leiche wird in einer Jauchegrube verscharrt. Die Tat kommt ans Licht, weil einer der Täter für ein paar Euro wettet, dass er weiß, wo die Leiche ist. Er brauchte gerade Geld für die Disko.

„Hass auf alle, die anders sind“

Dieser Fall gehört nach Meinung der Kritiker in die Liste der Todesopfer „rechter Gewalt“, ist also politisch motiviert. Das Politische sehen die Kritiker darin, dass die Täter „von rassistischen oder sozialdarwinistischen Vorurteilen beeinflusst sind“, und zwar unabhängig davon, ob sie zu einer rechtsradikalen Gruppe Verbindung haben.

Immer wieder liest man von Erwachsenen, die kleine Kinder in ihrem Haushalt auf sadistische Weise quälen. Zählt das dann auch zu den politischen Delikten?

Ich verstehe das Interesse an jener Zuordnung nicht und kann es mir nur so erklären: Jene Jugendlichen sind durch die Nazi-Ideologie verführt und deshalb tun sie, was sie tun. Man müsste sie also politisch aufklären. Wenn man die Nazizeit in der Schule gründlich behandelte, würde sich ihr „Hass auf alle, die anders sind“ legen.

Ich halte diese Diagnose für verkehrt. Es ist nicht nur das Anderssein, das zur Tat motiviert. Die Opfer sind immer auch schwächer. Sie werden auch nicht auf kürzestem Wege beseitigt, sondern mit Lust am Quälen traktiert. Hinter den Taten steckt nicht die falsche Theorie, sondern ein erschreckender Mangel an elementarer Sittlichkeit.

Diese ressentimentgeladene Brutalität wird nicht durch Nazi-Gedankengut erzeugt, sondern findet in ihm seinen Ausdruck. Sie beruht zuerst auf einem eklatanten Versagen der Erziehung. Dies hat auch gesellschaftliche Gründe. Die liegen aber zuerst in den Folgen der zweiten deutschen Diktatur, nicht der ersten.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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