Zeitung Heute : Ein Volk begräbt seine Legende

Aufgewühlte Massen in Ramallah, schweigende Staatschefs in Kairo. Wie die Welt Abschied nimmt von Jassir Arafat

Pierre Heumann[Ramallah] Andrea Nüsse[Ka]

Als sich die Ankunft des Hubschraubers mit der Leiche ihres geliebten Präsidenten ankündigt, stürmt die Menge die Absperrungen zum Hauptquartier. Es gibt kein Halten mehr. Tausende von Palästinensern klettern über die Mauern auf den Platz, wo die Landung vorgesehen ist. Das totale Chaos bricht aus. Die Polizisten, die die Masse abhalten sollten, werden von der Menge vereinnahmt. Mehrere Verletzte werden zu den bereit stehenden Sanitätswagen gebracht. Die Polizisten schießen in die Luft, um die von Emotionen aufgeheizte Masse zurückzudrängen. Vergeblich. Erst als der Hubschrauber wenige Meter über dem Boden ist, lassen sich die Menschen einschüchtern, weichen zurück und machen den gelben Ring frei, damit er landen kann.

Auf den Dächern ringsum stehen Hunderte von Reportern mit ihren Kamerateams, um das Ereignis in die Welt zu übertragen. Für eine gute Aussicht auf den Landeplatz haben sie eine Miete von bis zu 2500 Dollar hinblättern müssen.

„Bei so einem Anlass ist es trotz der Gefahren schwierig, zu Hause zu bleiben“, sagt Bassem Barguti, der seinen vier kleinen Kindern einen Luftballon gekauft hat. Sie schreiben den Segensspruch „Allah helfe Arafat“ auf den Ballon und lassen ihn in die Luft steigen. Der Ballon soll die Seele Arafats auf der letzten Reise begleiten. Neben dem Familienvater hält ein junger Palästinenser ein Schild mit „Fuck Bush, Merci Chirac“ in die Höhe. An ihm ziehen Jugendgruppen der Fatah-Partei in schwarzen Hemden vorbei. Aggressiv halten sie Säbel und Maschinengewehre in die Höhe.

Vor der Ankunft des Helikopters umkreisten zehntausende von Menschen die Mukata, wo das Grab für Arafat bereits ausgehoben war, pausenlos – als ob es die Kaba in Mekka wäre. „Mit unserer Seele und unserem Blut werden wir dich verteidigen, oh Abu Ammar“, skandierten sie immer wieder. In die Kampfrufe mischte sich das Heulen der Sirenen von Sanitätswagen, die Verletzte abtransportierten.

Nach der Ankunft sind die Polizisten erneut überfordert. Im Nu umringen die Massen den Helikopter, in dem der Sarg liegt. Erneut schießen die Polizisten in die Luft. Doch die Menge lässt sich auch dieses Mal nicht einschüchtern. Einem Teenager gelingt es gar, auf den Hubschrauber zu klettern.

Erst nach 20 Minuten versucht einer der Passagiere vorsichtig, die Klapptüre von Innen zu öffnen. Er steckt langsam den Kopf heraus. Was für ein Kontrast zur Zeremonie in Kairo, wird er sich wohl denken, als er die aufgeputschten Massen sieht. Hier wird nicht ein Staatsmann mit allen Ehren beerdigt, sondern hier empfängt ein Volk seine historische Legende.

Langsam wird der von der Palästinenserflagge bedeckte Sarg durch die Luke geschoben. Ein Militärjeep nimmt ihn auf und fährt ihn zur Mukata, wo sich auch palästinensische Würdenträger ein letztes Mal von ihrem „rais“, ihrem Präsidenten, verabschieden. Das Volk indessen geht nach Hause, bevor Arafats Sarg im Grab versunken ist. „Wenn Arafat tot ist, ist auch das Volk tot“, sagt später eine junge Frau im Zentrum – „und das kann ja nicht sein, deshalb lebt er weiter.“

Die Palästinenser sind außer sich. Noch Stunden nach der Beerdigung des Präsidentenführers zirkulieren Jugendbanden mit ihren Kalaschnikows durch die Straßen Ramallahs und schießen in die Luft. Die Polizisten greifen nicht ein. Sie wären machtlos.

So aufgewühlt die Atmosphäre beim Landeplatz vor der Mukata ist, so ausgestorben wirkte Ramallah in den Stunden vor der Beerdigung Arafats. Die Stadt mit ihren rund 65 000 Einwohnern trug stille Trauer. Alle Geschäfte sind geschlossen. Nur Blumen-Boutiquen sind geöffnet, damit sich die Bevölkerung mit Kränzen für die Beerdigung eindecken kann. Die Palästinenserregierung hat für diesen Anlass ein Großaufgebot von Polizisten organisiert. Die Sicherheitskräfte wurden zum Teil buchstäblich von der Straße geholt, und nicht wenige haben erstmals eine Uniform an. Das Stadtzentrum ist für den Verkehr gesperrt, um Unruhen zu vermeiden.

Abgesehen vom Chaos bei Arafats Beerdigung habe das Führungstrio die Lage unter Kontrolle, sagt Sari Nusseibeh, ein prominenter palästinensischer Friedensaktivist in Ramallah. Er wundert sich nur darüber, dass das die Leute überrascht. In der Post-Arafat-Ära sieht er durchaus Chancen für eine israelisch-palästinensische Annäherung. „Immer mehr Leute begreifen jetzt, dass die Gewalt nirgendwohin führt“, sagt er. Anders als unter Arafat werde es jetzt nicht um Personenkult gehen, sondern um politische Programme.

Ganz anders als in Ramallah, die Szenerie in Kairo, wo die Staatsoberhäupter der Welt Abschied nehmen vom Palästinenserchef: Die Straßen des Kairoer Stadtteils Heliopolis liegen verlassen da. Niemand steht am Wegesrand, um dem Palästinenserführer Jassir Arafat das letzte Geleit zu geben. Keine Träne, kein Sprechchor, keine Emotionen. Heliopolis nahe des Luftwaffenstützpunktes, auf dem die Trauerfeier stattfindet, ist weiträumig abgesperrt. Schulter an Schulter stehen die Soldaten. Die Bevölkerung, darunter eine halbe Million palästinensischer Flüchtlinge, ist von der Zeremonie zu Ehren Arafats aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen. In dieser kurzen Stunde soll der umstrittene Palästinenserführer nur den internationalen Würdenträgern gehören.

Die Feierlichkeiten beginnen mit einem kurzen Totengebet in einer kleinen Moschee in einem Offiziersclub. Als mutig und ehrlich bezeichnet Scheich Said al-Tantawi, der oberste Geistliche der Al-Ashar-Moschee und -Universität, den Verstorbenen. Auf dem Offiziersgelände steht auch das Trauerzelt, wo die Staatsgäste empfangen werden. Acht schwarze Pferde ziehen anschließend den Sarg, der unter einer palästinensischen Fahne, auf einer goldfarbenen Kanone thront. Eine Militärkapelle marschiert vorneweg und spielt Trauermärsche, während der Sarg, begleitet von einer Ehrengarde, zum wenige hundert Meter entfernten Flugplatz des Luftwaffenstützpunkts Al-Masa gezogen wird. Von hier aus wird der Leichnam Arafats in den Nord-Sinai geflogen und dann per Hubschrauber weiter nach Ramallah gebracht.

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer und andere europäische Gäste haben die Trauerfeier allerdings verpasst. Fischers Flugzeug konnte wegen des dichten Luftverkehrs über Kairo nicht rechtzeitig landen, und dann musste er nach der Landung auch noch eine Dreiviertel Stunde in der Maschine ausharren. Als er dann schließlich am Al-Masa-Luftwaffenstützpunkt ankam, waren die Tore bereits geschlossen. Eine Zeit lang herrscht dort Chaos – Leibwächter der Staatsgäste, ägyptische Sicherheitsleute und Journalisten werden aneinander gedrängt. Javier Solana, der außenpolitische Beauftragte der Europäischen Union steckt lange im Gedränge fest, der französische Außenminister Michel Barnier wird heftig geschubst, und Hans-Jürgen Wischnewski, der 82 Jahre alte frühere Nahost-Krisenmanager, der wegen seiner angeschlagenen Gesundheit im Rollstuhl sitzt, muss zum Schutz von vielen Sicherheitsbeamten umringt werden.

Die Regierungsvertreter, die es zur Zeremonie geschafft haben, werden froh darüber gewesen sein, dass es keine Ansprachen gab. Sonst hätte man öffentlich Stellung beziehen müssen zu dem Palästinenserführer, der zu vielen arabischen Staatschefs sehr wechselhafte Beziehungen pflegte. So ist der syrische Staatspräsident Baschar el-Assad angereist, obwohl Syriens Beziehungen zu Arafat und den Palästinensern äußerst frostig waren. Aus Saudi-Arabien ist Kronprinz Abdallah gekommen, nachdem man sich bis in die Nacht hinein in Saudi-Arabien nicht festlegen wollte. Seitdem sich Arafat im zweiten Golfkrieg auf die Seite Saddam Husseins geschlagen hatte, der Kuwait besetzt hatte, waren auch die Beziehungen der Golfstaaten zu den Palästinensern extrem abgekühlt. Daneben sind angetreten der jordanische König AbdallahII., sowie die Staatspräsidenten von Tunesien, Algerien und Jemen. Außer dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak hatte in den letzten Jahren fast kein anderer Staatschef mehr Kontakt zu Arafat gehalten.

Auf der Veranstaltung wird kaum ein Wort gewechselt. Schweigend sitzen die Ehrengäste, fast ausschließlich Männer, im Trauerzelt auf langen Stuhlreihen, Rücken an Rücken. Nach ägyptischer Sitte ist das Zelt bunt dekoriert, der Fußboden mit dicken Teppichen ausgelegt. Am Eingang steht der neue PLO-Chef Mahmoud Abbas mit einer palästinensischen Delegation und empfängt die kondolierenden Staatsgäste. Erst an dritter Stelle steht der Interims-Vorsitzende der Autonomiebehörde, Parlamentssprecher Rawhi Futtuh. Und das sagt einiges über die künftige Kräfteverteilung zwischen den verschiedenen palästinensischen Institutionen aus.

Jassir Arafats Frau Suha ist dort nicht zu sehen. Um einen möglichen Eklat zu verhindern, hat sie auf Anraten der Ägypter auf die Teilnahme an der Zeremonie verzichtet. Sie hatte die neue Palästinenserführung am Totenbett ihres Mannes in Paris als Erbschleicher beschimpft. Am Freitag steht sie dann mit ihrer Tochter Zahwa zum Abschied neben den Staatschefs und Außenministern und vergießt als Einzige Tränen.

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