Zeitung Heute : Ein Volk schämt sich

Der Tagesspiegel

Von Sabine Heimgärtner, Paris

Während die Spitzenpolitiker der französischen Parteien dabei sind, den Sieg des rechtsradikalen Chefs der Front National (FN) zu verdauen und sich um Schadensbegrenzung bemühen, formiert sich der Protest auf den Straßen Frankreichs. Zum zweiten Mal versammelten sich überwiegend junge Leute in allen französischen Großstädten zu Massendemonstrationen. Hunderttausende marschierten in mehr als 20 Städten, unterstützt von den linken Parteien, aber auch von Gewerkschaften, Ausländervereinigungen, Menschenrechtsorganisationen sowie Schüler- und Studentenvereinen. Zentrum des Protests war die Hauptstadt Paris. Traditionell trafen sich die Demonstranten an der Place de La Republique und zogen in Richtung Bastille.

Dort kam es nach Mitternacht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, aber auch zwischen arabisch-stämmigen Einwanderern und französischen Jugendlichen. Viele von ihnen machen die oft schon in zweiter Generation in Frankreich lebenden Kinder maghrebinischer Einwanderer für den Rechtsruck verantwortlich.

„Stoppt den Faschismus“, „Le Pen, wir hassen Dich“ – so und ähnlich lauten die Spruchbänder, die die jungen Protestler mit sich tragen. Viele Aufschriften bringen den Schock über das Wahlergebnis zum Ausdruck. „Schande für Frankreich“ oder „Ich schäme mich“ heißt es, und vor allem Jungwähler erklären in Fernsehinterviews ihr Bedauern, nicht zur Wahl gegangen zu sein oder aus Protest gegen die etablierten Parteien unbekannte und letztlich chancenloseKandidaten gewählt zu haben.

Andere Plakate verdeutlichen das Dilemma, in dem sich Frankreich befindet. In der Stichwahl am 5. Mai, bei der über den kommenden Präsidenten bis zum Jahr 2007 entschieden wird, stehen sich nun der Ultrarechte Le Pen und der amtierende konservative Staatspräsident, Jacques Chirac, gegenüber. „Le Pen auf den Scheiterhaufen, Chirac ins Gefängnis“ oder „Wählt lieber den Betrüger als den Faschisten“ – Slogans wie dieser und ähnliche, die den mit zahlreichen Affären belasteten Chirac als „Superlügner“ bezeichnen, zeigen den Balanceakt, vor dem zahlreiche Franzosen stehen, die unter „normalen Umständen“ niemals für den Neogaullisten Chirac votieren würden. „Ich bin nun verpflichtet, erstmals in meinem Leben rechts zu wählen“, erklärt eine 40-Jährige ihre Gewissensnöte.

Der Präsident der Organisation SOS Rassismus, Malek Boutih sagte: „Zur Stunde geht es in Frankreich um eine Art Staatsräson. Es geht um die Mobilisierung aller Wähler, die Frankreich vor diesem Alptraum bewahren wollen.“ Als fest stand, dass ihr Spitzenkandidat Jospin den ersten Wahlgang verloren hatte, rief die Sozialistische Partei noch am Wahlabend dazu auf, im zweiten Wahlgang für Chirac zu stimmen. Auch Gewerkschaften und Verbände sitzen im selben Boot, von überall kommen Aufrufe zur „Rettung der Republik". Nach Schätzungen der Meinungsinstitute kann Chirac mit mindestens 80 Prozent beim zweiten Wahlgang rechnen.

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