Zeitung Heute : Ein Volksfest. Eine Theaterschnitzeljagd

Alle sind eingeladen zu der besonderen Nacht – auch die Theater. Sie dürfen für einen Abend vergessen, dass sie Konkurrenten sind.

Foto: Thomas Aurin

Ab wann wird etwas zur Tradition? Ab der dritten Ausgabe von was auch immer. Und wann fängt die „lieb gewordene Tradition“ an? Schon eine Wiederholung später. Zum vierten Mal findet jetzt die Lange Nacht der Opern und Theater statt. Gefühlt gibt's diese Kombination aber schon viel länger: Im Mai kommt das Theatertreffen und wenige Wochen vorher die Lange Theater- und Opernnacht. Zwei tolle Berliner Events, die allerdings unterschiedlicher nicht sein können. Das Theatertreffen, die knallharte Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters, bei der der Premierenberliner traditionell seine nörglerisch schlechtgelaunte Seite hervorkehrt (zumindest solange er noch nicht am Lagerfeuer im Festspielgarten steht). Konkurrenz! Intrige! Eifersucht! Nicht-bedachte Regisseure, die ewig lächelnd (aber mit dem Messer in der Tasche) um Intendanten scharwenzeln, Tatort-Kommissarinnen, die nach den Vorstellungen von der Ödnis ihres Fernsehlebens klagen und eine Hand dafür gäben, wieder auf einer Theaterbühne zu stehen (behaupten sie im dämonischen Schein der Flammen zumindest). Und bestimmt stolziert auch dieses Jahr der lustige Geck in Knickerbocker wieder durch die Foyers, um darauf aufmerksamkeitsheischend in seinen VW-Käfer zu steigen und mit wehendem Haar davon zu brausen.

Das Theatertreffen: eine Einladung zum effektvollen Auftritt, zur Selbstbespiegelung und vor allem zur Abgrenzung. Ein Wettbewerb.

Dagegen die Lange Nacht der Opern und Theater: Ein Volksfest. Eine Theaterschnitzeljagd. Eine schunkelnde Shuttlebusfahrt auf einem halben Dutzend Routen mit wildfremden Gleichgesinnten durch die wieder interessant gewordene Stadt. Die Lange Nacht hat nichts Ausgrenzendes. Im Gegenteil: Sie lädt alle ein, dabei zu sein und Unbekanntes zu entdecken, ja, sie lädt sogar die Gastgeber selbst ein. Die permanent um ihre Finanzierung bangenden, die vom ewigen Erfolgsdruck geplagten Theaterhäuser dürfen sich endlich mal entspannen und für ein paar glückliche Stunden vergessen, dass sie Konkurrenten sind. Wann gibt es das schon? Eine Busroute, die nonstop die Schaubühne im Westen mit der Volksbühne verbindet! Für diesen Abend setzen sich die Häuser nicht in Szene, drängen sich nicht an die Rampe (Wir haben die meisten Gastspiele! Wir haben die größte Bühne! Wir haben den zeitgeistigen Zeitgeist!), sondern treten zurück in den Chor, um einmal ein anderes Gebilde hervortreten zu lassen, um dem Theaterberlin als Ganzem (dessen Teil man schließlich ist) seine Referenz zu erweisen.

Dieses Theaterberlin (auch gern Das Berliner Theaterleben genannt) ist natürlich ein seltsames Ding. Seit alten Max-Reinhardt-Tagen viel gelobt und beschworen, zig Mal totgesagt und doch immer am Leben geblieben und dabei absolut rätselhaft, weil eben kaum zu fassen zu bekommen. Zum Beispiel weiß kein Mensch genau, wie viele Theater es in Berlin eigentlich gibt. 57 nehmen an der Langen Nacht teil, aber es sind natürlich viel mehr! Selbst wenn man sich nur die großen Häuser, die Stadttheater, anschaut, gerät die Sache schon ins Flimmern. Natürlich, offiziell hat Berlin fünf Häuser: Deutsches Theater, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Schaubühne am Lehniner Platz, Berliner Ensemble und Maxim Gorki-Theater.

Aber eigentlich müsste man das Berliner Ensemble den staatlichen Museen zuschlagen, den Vorschlag hat BE-Intendant Claus Peymann kürzlich bei einer Senatsanhörung selbst gemacht: Er sei gern Leiter eines Theatermuseums! Und was ist mit dem sagenhaft erfolgreichen Hebbel am Ufer? Offiziell gehört es nicht dazu, aber eigentlich? Doch selbst wenn man die Größe und die Anzahl der Glieder weglässt: Wo befindet sich der Kopf dieses Wesens, wo der Bauch (Gefühlszentrum) und wo der Schwanz? Und wo schlägt sein Herz? Gerade weil es unsichtbar ist, sieht jeder dieses Wesen anders. Sein Puls ist freilich überall zu spüren, mal schwach, mal stärker und wohl am heftigsten, wenn man von außen in die Stadt kommt oder – wozu diese Nacht auffordert – sich als Einheimischer wie ein Neuling in ihr bewegt.

Was ist bei Euch los im Theater? fragen Gäste aufgeregt. Stimmt es, dass die Volksbühne mit den Inszenierungen von Herbert Fritsch und René Pollesch einen zweiten Frühling erlebt? Hat Ulrich Khuons Deutsches Theater inzwischen Wurzeln geschlagen? Und wie sieht’s aus, hat der Schnellinszenierer und Allesaufgreifer Armin Petras am Gorki aus der letzten, vom Spiegel gehypten Kultursubventionsdebatte eigentlich auch schon einen Abend gemacht? Welches Haus ist zurückgefallen, wer hat Boden gutgemacht?

Ein geschätzter Kollege hat neulich in einer anderen Berliner Zeitung den Profilierungsdruck der einzelnen Häuser beschrieben, die in einer je eigenen Mischung aus Klassikerinszenierungen, Romanadaptionen und diskursivem, Gegenwärtigkeit erhaschendem Begleitprogramm um die Gunst der Zuschauer buhlen (und fieberhaft an ihrer gesellschaftliche Relevanz basteln) und dabei leicht zur Schnappatmigkeit tendieren.

Auch dafür ist die Lange Nacht der Opern und Theater also gut. Sie schenkt den Theatern Luft, gerade weil die gezeigten Stücke und Inszenierungen nur zwanzig Minuten kurz sind. Die Spots befreien vom Gewicht der tiefen Interpretation, dem Zwang sich zu präsentieren, wie man glaubt, gesehen werden zu müssen. Und gewähren vielleicht deshalb offenere Einblicke in das Selbstverständnis der Häuser: Es ist schon eine Überraschung, dass die Schaubühne ausgerechnet etwas aus der Verwechslungskomödie „Perplex“ von Marius von Mayenburg zeigt (als beneidete sie insgeheim den Nachbarn am Kurfürstendamm). Eher erwartungsgemäß präsentiert die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz dagegen einen der letzten clownesken Fritsch-Knaller. „Die spanische Fliege“ ist eine unwiderstehliche Klamotte um notgeile Ehemänner und strenge Gattinnen, bei der Wolfram Koch viel rosa Rouge und Sophie Rois eine beeindruckende Marie-Antoinette-Perrücke trägt und alle Schauspieler vergnügt auf Teppichen fliegen oder auf dem Trampolin springen. Auch die Abschlussparty findet ab 24 Uhr in der Volksbühne statt.

Im repräsentativen Deutschen Theater versucht man dagegen, allen gerecht zu werden. Man zeigt Teile des Action-Musicals „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ von Studio Braun. Barbara Schnitzler spricht Gedichte von Mascha Kaléko und Bernd Stempel liest Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“. Angenehm ernsthaft geht das Maxim Gorki-Theater die Sache an und präsentiert Ausschnitte aus einer Einar-Schleef-Roman-Adaption des scheidenden Intendanten Armin Petras, der in den letzten Jahren an seinem Haus eben nicht nur wahnsinnig viele Premieren raus gebracht, sondern sich verdienstvoller Weise auch ausgiebig mit Schleefs Werk beschäftigt hat.

Überhaupt ist diese Lange Nacht auch eine melancholische Abschiedsreise. Armin Petras hört auf, das Hebbel am Ufer verliert Matthias Lilienthal, und der dienstälteste Theaterdirektor Deutschlands, Jürgen Schitthelm – vor fünfzig Jahren war er Mitbegründer der Schaubühne – geht in den Ruhestand.

Wie funktioniert Theater? Eine eigene, recht materialistische Antwort geben darauf die Berliner Festspiele, seit wenigen Monaten geleitet von Thomas Oberender. Mangels eigenem Repertoire inszeniert man das, was man hat: Das großartige Festspielhaus, entworfen von Fritz Bornemann. Und führt die – nach zweijähriger Renovierung – „modernste Bühnentechnik“ der Stadt vor. Zu jeder vollen Stunde beweisen die Zugstangen, warum ohne sie nichts geht. Und dass auch sie Ballett tanzen können.

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