Zeitung Heute : Ein weit verzweigtes Netz macht Windstrom billiger

Katharina Jung

Wind weht immer, erst recht auf See. Windenergie besitzt unter den erneuerbaren Energien eines der höchsten Potenziale. Viele europäische Anrainerstaaten an Nord- und Ostsee planen neue Hochsee-Windkraftwerke. Einerseits, um die Technik auf diesem strategischen Gebiet zu verbessern, andererseits um ihre Klimaziele zu erreichen. Wie und ob es sinnvoll ist, diesen Ausbau und die Vernetzung des Ausbaus europaweit zu organisieren, also ein „Offshore North and Baltic Sea Grid“ zu etablieren, untersuchte eine jetzt abgeschlossene Studie des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik der TU Berlin unter der Leitung von Christian von Hirschhausen.

Wichtigstes Ergebnis: Ein multilateral verbundenes Offshore-Energienetz der Nord- und Ostseeanrainerstaaten hätte zwar die größten positiven Auswirkungen für das Gemeinwohl aller beteiligten Staaten. Aber es fehlt der europäische institutionelle Rahmen für eine solche Kooperation, sodass dieses Szenario derzeit als unrealistisch verworfen werden muss. „Stattdessen sollten die einzelnen Staaten energischer darangehen, ihre selbstgesteckten Pläne für die Offshore-Energiegewinnung umzusetzen und sich gleichzeitig die Möglichkeit einer künftigen bi- oder multilateralen Vernetzung nicht verbauen“, sagt von Hirschhausen.

In der Studie haben die TU-Wissenschaftler erstmals versucht, verschiedene Perspektiven eines potenziellen Nord-Ostseenetzes zu zeigen. Drei Ziele bestimmten das Vorgehen, erläutert Jonas Egerer, am Fachgebiet für die Stromsektormodellierung verantwortlich: „Wir wollten gezielt technische mit sozio-ökonomischen Fragen verbinden. Zudem wollten wir die Auswirkung jedes einzelnen Szenarios auf das Gemeinwohl, den Verbraucher und die verschiedenen Akteure in der Energiepolitik begutachten sowie Hintergrundinformationen für die Planung, Regulierung und Finanzierung einer potenziellen pan-europäischen Energie-Infrastruktur liefern.“

Zwei Hauptszenarien wurden von den TU-Forschern untersucht. Erstens, ein kommerziell-orientiertes, vorrangig bilaterales Energienetz, bei dem jedes Land seine eigene Energiepolitik betreibt. Und zweitens ein Szenario, bei dem alle Akteure multilateral miteinander vernetzt sind und Energieleitungen wie ein Spinnennetz unter der Nord- und Ostsee verlaufen würden.

Die Studie zeigt, dass ein hoher Vernetzungsgrad den energieexportierenden Ländern aufgrund der größeren Konkurrenz Verluste bescheren würde, während die Gewinne sich von den Energieproduzenten zu den Konsumenten verlagern. „Hinzu kommt: Je höher der Grad der Vernetzung, desto geringer die Rentabilität kommerziell finanzierter Leitungen, wie sie bis jetzt dominieren“, erklärt Professor von Hirschhausen weiter. Insgesamt zeigt die Studie, dass bei dem Ausbau des Nord- und Ostseenetzes europäische Interessen und die der einzelnen Länder sorgfältig ausbalanciert werden müssen. Katharina Jung

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