Zeitung Heute : Ein wenig Hoffnung

Frank Jansen

Die beiden deutschen Geiseln sind seit drei Wochen in der Hand ihrer irakischen Entführer. Was weiß man über ihre Situation?


Hoffnungsschimmer gibt es nur wenige, und manche sind doppeldeutig. Im Drama um die entführten Techniker René Bräunlich und Thomas Nitzschke beobachten Sicherheitsexperten eine Konstante, die positiv und negativ zugleich sein könnte. Den drei Videos, die von den Geiselnehmern in die Öffentlichkeit lanciert wurden, ist zu entnehmen, dass es sich stets um dieselbe Gruppe handelt. Das ist halbwegs positiv, weil es bedeutet, dass die Geiseln nicht an andere Terrortrupps verscherbelt wurden. Die Bundesregierung kann ihre Bemühungen um Kontaktaufnahme weiterhin auf die Ansar al Tawhid wal Sunna richten, wie sich die Kidnapper nennen. Dass sie ihre Geiseln behalten, könnte aber auch ein Zeichen für die Absicht der Gruppe sein, hartnäckig und mit langem Atem die Erfüllung der Forderungen an die Bundesregierung zu verlangen.

Jedenfalls ist ein rasches Ende des Dramas, wie kürzlich in den Medien spekuliert wurde, nach Ansicht deutscher Sicherheitskreise eher unwahrscheinlich. Außerdem bleibt offen, wie sich die Veränderungen im militanten Spektrum im Irak auf den Entführungsfall auswirken. Sicherheitsexperten registrieren seit Ende vergangenen Jahres, dass der am meisten gefürchtete Terroristenanführer Abu Mussab al Sarkawi sich nicht mehr zu Al Qaida bekennt. Inzwischen wird nur noch die Bezeichnung „Schura-Rat“ verwandt. Der neue Name ist ein Hinweis auf die frühere Praxis Sarkawis, Anschläge und andere Aktionen mit einem Rat von Gefolgsleuten zu besprechen. Anschließend verteilte der Terroristenführer Geld. Diese Versammlungen fanden längere Zeit in der Stadt Falludscha statt. US-Truppen konnten die Hochburg des sunnitischen Widerstands erst im November 2004, nach monatelangen Kämpfen, weitgehend unter Kontrolle bringen. Sarkawi verschwand. Dass er jetzt seine Gruppe „Schura-Rat“ nennt, könnte das Bestreben widerspiegeln, wie es in Falludscha möglich war, Versammlungen mit seinen „Emiren“ abzuhalten.

Sarkawi gerät allerdings im Irak zunehmend in Konfrontation mit anderen Gruppen des sunnitischen Widerstands. In der Stadt Ramadi kam es zu Gefechten zwischen Anhängern Sarkawis und nationalistisch-islamistischen Kämpfern. Außerdem versuchen amerikanische und irakische Truppen in einer größeren Operation, den Terroristenanführer aufzuspüren. Sarkawi wird in einer Region im Nordosten, südlich vom Kurdengebiet, vermutet. Sie ist nur etwa 150 Kilometer entfernt von der Stadt Baidschi, in der die zwei Deutschen entführt wurden. Einen Zusammenhang zwischen Militäraktion und andauernder Geiselnahme sehen Sicherheitsexperten allerdings nicht.

Das Verhalten einer weiteren irakischen Terrorgruppe gibt ebenfalls Rätsel auf. Ansar as Sunna habe sich seit Monaten nicht mehr zu Wort gemeldet, sagen Experten. Dabei gilt die Vereinigung als eine der gefährlichsten, nicht nur im Irak. Mitglieder der Vorläuferorganisation Ansar al Islam waren auch in Deutschland aktiv. Mögliche Erklärungen für das Schweigen von Ansar as Sunna sind eine Verschmelzung mit Sarkawis Leuten – oder schlicht der Verlust der für Propaganda zuständigen Kämpfer.

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