Zeitung Heute : Ein Wunder namens Deutschland

„Das muss man sich mal vorstellen: Ich verdiene mein Geld damit, dass ich in die Oper gehe“: Sie kommt aus den USA und kann ihr Glück kaum fassen. Hunderte von ausländischen Sängern sind diesen Weg gegangen. Es ist ein harter, anstrengender Weg – doch am Ende führt er ins Paradies.

Jan-Martin Wiarda

Vor ein paar Tagen hat Ruth wieder falsch gesungen. Ein bisschen schrill, zu laut, knapp neben dem Ton eben. „Wunderschön“, hat die Gesangslehrerin gesagt. Später hat sich Ruth die Probestunde noch mal auf Kassette angehört, in ihrem Zimmer in Zehlendorf, und da wusste sie: Diese Frau ist nichts für mich. In so einem Augenblick sieht die 24-Jährige mit ihren dunklen Haaren und ihren großen Augen gar nicht so mädchenhaft aus wie sonst, sondern ziemlich energisch. Denn Ruth will kritisiert werden. Sie will eine Lehrerin, die schimpft, die auch mal kleinlich ist und ungnädig. Eine, die alles aus ihr herausholt. Denn dann ist sie ihrem Ziel ganz nah.

Ruth Engler aus Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin will Opernsängerin werden. Darum ist sie nach Berlin gekommen im Sommer, direkt nach dem College. „Deutschland und Oper, das gehört einfach zusammen“, sagt sie. Auf Englisch. Sie hat noch ein bisschen Angst vorm Deutschreden. Doch sie lernt schnell. Nicht nur die Sprache. Wenn sie sich auf ihr Bett hockt und den Fernseher anmacht, in der Hand ein Wörterbuch, dann kann sie es in den Nachrichten sehen: Die Stimmung ist mies in Berlin, viel Frust und wenig Träume. Dabei haben Träume Ruth hergebracht: an die Universität der Künste aufgenommen werden. Eines Tages auf einer Bühne stehen und ihre Lieblingsrolle singen, die Rosina in Rossinis „Der Barbier von Sevilla“. Das wäre es. Dann ist sie am Ziel.

Nur der Kassettenrekorder hört zu

Doch noch sitzt sie in einem Café vor einem Frühstück aus Eiern und Speck, typisch amerikanisch, und manchmal fühlt sie sich ganz schön allein. Dabei ist sie das gar nicht. Hunderte amerikanischer Nachwuchssänger sind vor ihr den gleichen Weg gegangen. Genaue Zahlen gibt es nicht, nur eines steht fest: Es waren sehr viele. Wie Ruth sind sie in ein Land aufgebrochen, dessen Sprache sie kaum kannten und dessen manchmal schroffe Umgangsformen sie erst mal verschreckt haben. Viele Deutsche ahnen gar nicht, wie an amerikanischen Musikhochschulen von Deutschland geredet wird: Das ist das Land, in dem du tatsächlich leben kannst von deiner Kunst. In dem du dich nicht nebenher als Kellner, Verkäufer oder Sekretärin durchschlagen musst. Es gibt sogar einen Ratgeber für die singenden Seitenwechsler. „Kein’ Angst Baby“ heißt der, geschrieben haben ihn zwei amerikanische Opernsängerinnen, die es in Deutschland geschafft haben. Wobei der Titel wahrscheinlich schon der wichtigste Tipp ist. Nicht aufgeben, weiterkämpfen.

Die richtige Gesangslehrerin hat Ruth noch nicht gefunden. Aber einen Haufen Geld ausgegeben, denn Probestunden kosten 50 Euro. Noch zahlen die ihre Eltern. Jeden Morgen stellt Ruth sich unter die Treppe der Wohnung, die sie hütet zurzeit, ganz nah an die Heizung, denn da ist es warm, und dann singt sie, zwei Stunden lang, und der einzige, der zuhört, ist ihr Kassettenrekorder. Vorher geht sie joggen, am ehemaligen Mauerstreifen, das hilft ihr beim richtigen Atmen und erinnert sie daran, wo sie gelandet ist.

Klar gibt es auch in Amerika Opernhäuser, die Metropolitan Opera in New York ist womöglich das berühmteste auf der Welt. Doch in Amerika gibt es, anders als in Deutschland, keine Dauerverträge für Opernsänger. Sie sind Nomaden. New York ist Anlaufstelle für Talente, die sich von Vorsingen zu Vorsingen hangeln. Aus dem ganzen Land kommen die Agenten der wenigen Opernhäuser in die Stadt, aus St. Louis, Portland oder Austin, um Sänger für die neueste Produktion zu rekrutieren. Und nur dafür. Das ist nicht nur in Amerika so, sondern eigentlich überall in der westlichen Welt. Außer im deutschen Sprachraum. Hier ist die Operndichte mit über 100 Häusern am höchsten, hier werden die meisten Subventionen gezahlt, und es sind auch in Provinzstädten genügend Zuschauer da für zwölf oder mehr Vorstellungen einer Produktion, nicht nur für drei oder vier. In Amerika, wo es in etwa die gleiche Zahl an Opernhäusern, aber dreimal so viele Einwohner gibt, ist die Situation besonders paradox: Es gibt brillante Lehrer, die besten Studiengänge, die größte Konkurrenz. Und ganz wenig Arbeit. In „Kein’ Angst Baby“ nennen sie es das „Wir können Sie erst brauchen, wenn Sie mehr Erfahrung haben“-Syndrom.

Die Erfahrung gibt es in Deutschland. Das ist der richtige Ort für dich, hat ihre Professorin zu Carole FitzPatrick gesagt, als sie mit ihrem Studium in Yale fertig war. Das war 1988. Inzwischen ist Carole 44 Jahre alt. Sie ist nie zurückgegangen. Zum Glück: „Das muss man sich mal vorstellen. Ich darf mein Geld allein damit verdienen, dass ich in die Oper gehe. Ich bin krankenversichert, rentenversichert und werde das ganze Jahr über bezahlt. Das ist doch ein Wunder!“ Wie sie das sagt, akzentfrei, mit ihrer klaren Stimme, klingt das mit dem Wunder kein bisschen übertrieben. Die Sopranistin ist dort, wo Ruth sich hinträumt: Sie gehört zum Ensemble eines deutschen Opernhauses, des Staatstheaters in Nürnberg, als eine von drei Amerikanern unter den 30 Solisten. Das ist eher unterer Durchschnitt, verglichen mit anderen Häusern. Doch auch in Nürnberg stammt die Mehrzahl der Sänger nicht aus Deutschland.

Dabei ist das mit der Sozialversicherung sicher eine tolle Sache, doch ihr Dauervertrag bedeutet Carole viel mehr als das Sammeln von Rentenpunkten. Er gibt ihr etwas, das wichtiger ist als das gute Gefühl einer gesicherten Existenz: Anerkennung. Man kann das in ihrem Gesicht sehen, wenn sie in der Kantine des Staatstheaters einen Kaffee trinkt und dauernd Leute am Tisch vorbeikommen, die „Hallo Carole“ rufen. Man kann das auch an ihren Gesten sehen, wenn sie einen durch die Fluchten des Opernhauses begleitet, wo sie jeden Winkel kennt, vorbei am Zuschauerraum und den Garderoben hin zur Bühne, auf der Arbeiter den Hintergrund für die Ballettvorführung am Abend zusammenschrauben. Dann stupst sie einen an die Schulter oder an den Arm, als wollte sie sagen: Sieh her, das ist mein Zuhause.

„Wenn ich einem Amerikaner erzähle, ich bin Opernsängerin, guckt der interessiert und fragt: Und, was machen Sie beruflich?“, sagt sie. Wieder mit einem Lächeln. Doch diesmal ist es kein glückliches. Ein wenig bitter vielleicht. Es ist nie einfach, von zu Hause fort zu gehen. Auch nicht, wenn sie einen woanders mehr zu schätzen wissen. Dann erst recht nicht. Wie dumm sie sich am Anfang gefühlt hat, weil sie kein Deutsch konnte. Die Aussprache, ja, die hatte sie drauf, die lernen sie in Amerika im Gesangsstudium: Deutsch, Französisch, Italienisch, die Opernsprachen. „Ich hätte ein Buch vorlesen können, doch ich hätte kein Wort verstanden.“ Ihr erstes Engagement hatte Carole am Theater Dortmund. Eines Tages lief sie über die Straße, da kam ihr eine Schulklasse entgegen, lauter kleine Knirpse, die durcheinander quasselten. „Mein Gott, sind die intelligent, die können ja alle Deutsch“, hat sie gedacht. Und war über sich selbst erschrocken. Das mit der Sprache ist heute kein Thema mehr, doch in letzter Zeit muss Carole oft an ihre Eltern in Austin denken. Ihr Vater wird demnächst operiert, nichts Schlimmes, doch sie will ihn vorher noch sehen. Heimat ist Deutschland ihr doch nicht geworden: Die Anerkennung, die sie gefunden hat, hat sie sich mit Heimweh erkauft.

Wer Carole trifft oder Ruth; wer ihnen zuhört, wie sie Deutschland als Glücksfall für Opernsänger beschreiben, als den Ort ihrer Erfolge und ihrer Träume, der kommt irgendwann an einen Punkt, an dem das deutsche System von Oper, Kunst und Subventionen selbst zum Thema wird. Der Strom von Sängern aus Nordamerika, Süd- und Osteuropa und Asien an deutsche Opernbühnen ist auch ein Indiz dafür, dass sich Deutschland bei allen Finanzproblemen eine Opernlandschaft leistet, die weltweit ihresgleichen sucht. Pro Eintrittskarte an den drei Berliner Opernhäusern zahlt der Senat zum Beispiel 160 Euro. In Deutschland arbeiten fast 1500 hauptberufliche Opernsänger, in den Vereinigten Staaten etwa halb so viele. Das wird nicht so bleiben. Schon jetzt haben die öffentlichen Haushalte ihre Zuschüsse deutlich zurückgefahren. Ruth ist in einer ungünstigen Zeit gekommen. Sie weiß das. Was für ein Artikel das werden solle, hat sie schon am Telefon gefragt. Hoffentlich keiner von der Sorte „Böse Amerikanerin nimmt armen Deutschen den letzten Job weg“, oder?

Das Geld geht zu Ende

Vielleicht wird eine wie sie auch gerade jetzt gebraucht. Zumindest könnte zu diesem Schluss kommen, wer sich mit Girard Rhoden unterhält: noch ein US-Sänger, der Ende der 80er nach Deutschland gekommen ist. Seit kurzem sitzt der 42-Jährige in der dritten Etage des Ulmer Theaters, als Geschäftsführer des künstlerischen Betriebsbüros, und kümmert sich um die Probenpläne, die Krankmeldungen der Sänger, alles, was so anfällt im Opernalltag. „Manchmal sind wir Amerikaner ein bisschen effizienter in unserer Arbeitsweise“, sagt Rhoden. Man brauche sich nur die Probezeiten für eine neue Inszenierung anzuschauen: „In Deutschland sind sechs Wochen üblich, in den USA zwei.“ Woran das liegt? Lange Jahre habe es in Deutschland so ausgesehen, als werde das Geld nie zu Ende gehen, sagt Rhoden. „Wir hatten Bühnenbilder, die konnten nie zu teuer sein, nie zu groß. Dafür büßen wir jetzt.“

Diese Woche wird Ruth wieder singen. Vielleicht auch ein bisschen falsch, mal sehen. Die nächste Probestunde steht an. Immerhin, eine Favoritin hat sie schon, die ist gleichzeitig Professorin an der Universität der Künste, das würde passen. Natürlich Amerikanerin. Als Ruth das erzählt, lacht sie plötzlich: Sie ist in Deutschland, und ihre Lehrer sind Amerikaner. Typisch irgendwie. Es ist das hohe, vibrierende Lachen einer Sopranistin, und plötzlich schaut das ganze Café zu ihrem Tisch hinüber. Wird schon werden. Andere haben es ja auch geschafft. Kein’ Angst, Baby.

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