Zeitung Heute : Ein Wunder namens STI-571

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

Unser Arzt fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin

Brian Druker ist ein stiller Held, kein Mann für die Schlagzeilen. In Deutschland kennt man ihn nicht. Denn er ist eine eher unauffällige Erscheinung. Freundlich, ein schmales, längliches Gesicht und eine hohe Stirn, das dunkle Haar gescheitelt. Das Besondere an Dr. Druker: Er ist Krebsforscher, und er hat Erfolg. Hunderte verdanken ihm ihr Leben, und bald werden es Tausende sein.

Druker hat ein kleines Wunder geschaffen. Alles begann Mitte der 90er Jahre damit, dass dem Mediziner von der Oregon Health Sciences University ein Stoff namens STI-571 auffiel, eine Prüfsubstanz des Schweizer Pharmaherstellers Novartis. Er testete sie auf ihre Wirksamkeit gegen Krebszellen, genauer: gegen die chronisch myeloische Leukämie (CML), eine spezielle Form von Blutkrebs.

STI-571 war erfolgreich. Im Reagenzglas. Bei Mäusen. Und schließlich beim Menschen. Es ist eine ganz neue Art von Krebsmedizin. Man kann sie schlucken, die Haare fallen einem nicht aus, und wirken tut sie auch. STI-571 ist ein intelligentes, kleines Molekül. Es blockiert gezielt einen wichtigen Informationsschalter der Krebszelle, nämlich das Signalprotein „Tyrosinkinase BCR-ABL“. Das findet sich so nur bei der CML. STI-571, das inzwischen als „Glivec“ auf dem Markt ist, treibt die Krebszellen in den Selbstmord.

Nun hat eine große internationale Studie Drukers Ergebnisse eindrucksvoll bestätigt. „Glivec“ ist das neue Standardmedikament bei CML, also das Mittel der ersten Wahl. Aber es gibt auch Einschränkungen. So wirkt das Mittel nicht bei jedem. Und es bleibt abzuwarten, wie lange der Erfolg des Medikaments anhält. Denn ein großes Problem der Krebsbehandlung besteht darin, dass die wuchernden Zellen irgendwann nicht mehr auf Medikamente ansprechen – sie sind resistent geworden.

Und schließlich, so muss man relativieren, ist die CML vergleichsweise selten. Ob das Mittel bei häufigen Krebsformen, etwa bei Brust-, Dickdarm- oder Lungentumoren hilft, ist mehr als ungewiss. Aber es ist ein Hoffnungsschimmer, dass die von Rückschlägen gebeutelte Krebsforschung auch erfolgreich sein kann. Und vielleicht ist es ja der Bote eines neuen Zeitalters der Tumorarzneien: besser verträglich und hochwirksam. Neue Produkte sind schon in der Entwicklung. Wir brauchen viele Glivecs. Und viele Ärzte wie Brian Druker.

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