Zeitung Heute : Ein Zentrum des Ausgleichs

Der Tagesspiegel

Von Suzan Gülfirat

Friedenau. „Kein Alkohol, keine Drogen, keine Waffen, kein Glücksspiel.“ Die Regeln auf dem gelben Plakat im Versammlungsraum dieses Nachbarschaftsladens sind eindeutig. Trotzdem irritieren sie den Besucher. Welches Wässerchen könnten diese älteren Herren wohl trüben? Sie sitzen um einen Tisch herum, trinken Tee und spielen Karten; auf dem großen Fernseher läuft das Fußballspiel Türkei gegen Süd-Korea. Die Szene erinnert an ein türkisches Café für Herren. Nur wird der Laden in der Rubensstraße 84 spätestens um 22 Uhr geschlossen.

Einige Räume weiter, löst sich das Rätsel auf. „Merkez“ heißt der Selbsthilfe-Laden auf Türkisch. „Zentrum“ bedeutet das. Hier treffen sich mehrere Generationen. Die Regeln gelten deshalb eher den Besuchern des Jugendraums am Ende des Flures. Zwei Tische und ein paar Stühle stehen ihnen hier zur Verfügung. An dem einen Tisch sitzt eine Gruppe von jungen Männern und spielt Backgammon. Die anderen stehen gelangweilt herum und schauen etwas misstrauisch daher. Auf Journalisten sind sie nicht gut zu sprechen. Sie alle wohnen und leben am Grazer Platz . Über diese Gegend wurde selten etwas Gutes geschrieben. Zuletzt kam der Platz in die Schlagzeilen, weil am Neujahrstag einem elfjährigen Jungen durch einen Knallkörper die Finger abrissen wurden. So ungewöhnlich die Eindrücke in dem türkischen Treffpunkt sind, so ungewöhnlich ist auch dessen Geschichte: Vor etwa drei Jahren stellte die mobile Jugendarbeit „Outreach“ ein Zelt auf dem Grazer Platz auf. Es war als Pavillon für die Jugendlichen gedacht, aber die Alten rebellierten. Sie besetzen das Zelt und forderten einen Treffpunkt auch für sich. Der 57-jährige arbeitslose Anwohner Ilyas Bakir, der Streetworker Seyit Ali Dikmen und einige andere türkische Senioren begaben sich auf den beschwerlichen Gang durch die Verwaltung. Sie wollten einen türkischen Treffpunkt für Jugendliche und ältere Menschen, für Frauen und Männer, für Deutsche und Türken gründen. Und sie brauchten Geld. Die Ausländerbeauftrage des Bezirks, Emine Demirbüken, unterstützte sie dabei.

Nach Jahren fanden sie eine ehemalige Bäckerei in der Rubensstraße, und der Senat gab ihnen einen Zuschuss. Dieses Geld war nur für Materialkosten und elementare Einrichtungsgegenstände gedacht – Tische, Stühle und Beleuchtung. Alles andere mussten die Rentner selbst erledigen. Vom Nachbarschaftsheim Schöneberg halfen Maurer und Elektriker umsonst mit. Und dann geschah etwas Wundersames: Die Jugendlichen vom Grazer Platz packten mit an. Sie werkelten, installierten Waschbecken und renovierten die Räume. An Unterstützung für den Laden mangelt es weiterhin nicht. Zur Eröffnung gab es Materialspenden, wie zum Beispiel ausrangierte Computer – in Kürze beginnt der erste Kurs. Trotz Selbstverwaltung stehen die Senioren nicht alleine da. Die Sozialarbeiterin Derya Wrobel hält Sprechstunden ab, und „Outreach“ nutzt einen Raum als Büro. Regelmäßig kommt der Jobmobil für Jugendliche vorbei. Zwei deutsche Rechtsanwälte bieten außerdem ehrenamtlich Beratungen an. „Ich werde das Wasser klären. Und wenn es noch so trübe ist“, sagt Ilyas Bakir. Er meint damit, dass er seine Ziele unbedingt erreichen will. Die Jugendlichen sollen vernünftiger werden, und die Frauen sollen auch außerhalb des Deutschkurses vorbeikommen. „Die Leute laufen jetzt ohne Angst vor den Jugendlichen durch die Straßen“, sagt ein alter Mann. Zweieinhalb Jahre hat die Selbsthilfegruppe Zeit, um zu beweisen, dass noch mehr möglich ist. So lange zahlen der Verband für sozial-kulturelle Arbeit und das Nachbarschaftsheim Schöneberg die Miete.

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