Zeitung Heute : Ein Zweiersofa kaufen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

Mein Mädchen, gestatten den Zorn, wird immer mehr zur Hausmeisterin. Hausmeisterin? Das sind jene meist nicht mehr ganz so jungen Damen, die offiziell für die Reinlichkeit der Hausflure und die ordentliche Entleerung der Mülltonnen zu sorgen haben, in Wahrheit aber nichts weniger sind als Außenstellen der National Security Agency, kurz NSA. Die Agentinnen mit Mopp und Wischtuch wissen alles: Wer welche Musik hört, wie oft streitet und mit wem schläft. Entlohnt werden sie schlecht, aber andererseits – kann man wirklich wichtige Informationen mit Geld aufwiegen?

Meinem Mädchen ist Geld vollkommen schnuppe, aber Informationen? Oh ja. Die junge Dame hört alles, und damit ist nicht nur ihr mittlerweile beachtliches Schimpfwort-Vokabular gemeint, das vorrangig von ihrer Mutter und deren Zwischenfällen am Herd gespeist wird. Mein Mädchen kann noch so still beschäftigt in ihrer Kemenate sitzen, wenn ich mir in der Küche eine Kippe gönne, steht sie da und ruft „Papa, nicht rauchen“. - „Man wird´s ja noch versuchen dürfen“, murmle ich dann und spüle 15 Cents die Toilette runter. Oder sie malt, und ich schleiche mich zum CD-Player, um die gottvolle neue Willie Nelson-Platte zu hören. – „Papa, mag Kinderlieder hören.“ – „Nein Mädchen, bevor ich diese Sch-CD reinlege, höre ich lieber gar keine Musik.“ Oder sie schmust im Schlafzimmer mit ihrer Mutter, und ich schleiche mich auf die Toilette. – „Papa, nicht Zeitunglesen.“ Man verkümmert, wenn man ein Kind bekommt.

Und noch etwas hat sich die junge Dame von ihren älteren Agentinnen-Kollegen abgeguckt: Sie wird ungeheuer penibel und autoritär. Ständig robbt sie sich durch die Wohnung und räumt auf. Sie sortiert meine Bücher und CDs stets neu, so dass ich sie niemals finde, was andererseits nicht stört, weil ich sie sowieso weder hören noch lesen darf. Sie wirft die Zeitungen in den Müll, die ich noch nicht einmal gesehen habe, und wenn ich mal neue Leibwäsche benötige, was im Wesentlichen jeden Tag der Fall ist, bekomme ich sie nur, wenn ich rufe „Mädchen, wo sind meine Socken.“ Und sie kann sich stundenlang damit beschäftigen, die Schuhe der Familie in die richtige Ausrichtung zu bringen – für jeden Therapeuten wären ihre Familienaufstellungen anhand der Treter eine Goldgrube.

Und erst bei Tisch – frage nicht. Noch nicht einmal mein 80-jähriger Großvater hat derart fixe Ideen, was Sitzordnungen betrifft. Wo auch immer meine rührige Kleinfamilie hinkommt, Mädchen bestimmt die Plätze. Papa hier, Mama da, vielleicht auch umgekehrt, aber sicher nicht anders. Ansonsten heult sie los, und das wird laut – sie ist ja schon 25 Monate.

Weil ich ein guter Mensch bin, mache ich ihr heute eine Freude: Ich kaufe ein neues Sofa. Dann hat sie die nächsten Tage ordentlich zu tun, die neue Situation einzuteilen. Aber psst, diese Kolumne nicht laut vorlesen: Die Aktion soll eine Überraschung werden – und man weiß nie, wie gut die Hausmeisterin tatsächlich hört.

Immer ein Sofa-Schnäppchen gibt’s bei MooveWohnen in der Oranienburgerstraße. 17, 10178 Berlin zu schießen. Mein „Charles“-Zweiersofa aus Schweinsleder für schlappe 300 Euros, ist aber schon reserviert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben