Zeitung Heute : Einbrechen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Früher in Basel waren wir verwöhnt. Wir verdienten Geld. Wenn wir etwas haben wollten, gingen wir in einen Laden und kauften es.

In Berlin hingegen kennen viele Leute Geld nur vom Hörensagen. Bei V. im Haus begann man daher wieder mit dem Tauschhandel: Französischunterricht gegen brasilianisches Essen, Babysitten gegen Autoleihen, Texte redigieren gegen afrikanisches Essen. Nicht uncharmant. Zeiten der Krise bieten eben auch die Chance einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: alte Traditionen etwa und Mutter Natur.

Ich beschloss, zu M. auf den Bauernhof zu fahren. Auf dem Land kommt man auf andere Gedanken, dachte ich. Und in Brandenburg ist es so still, dass Botho Strauß sich kürzlich gar vor Windmühlen zu fürchten begann. M. und ich sind weniger ängstlich. Wir wagten uns sogar auf den zugefrorenen See hinaus.

In Basel war ich kein Freund des Eises. Ich musste als Kind Kurse auf der „Kunschti“ (Kunsteisbahn) besuchen. Da sollten wir „übersetzen“ und „Eier legen“. Beim Eier legen lässt man die Beine auseinander gleiten und schließt sie hinterher wieder. Dadurch zeichnen die Kufen eiförmige Spuren ins Eis. Beim „Übersetzen“ muss man immer wieder den linken Fuß rechts vom rechten Fuß aufs Eis bringen. Irrwege der Zivilisation!

Wildschweinland ist eine idyllische Gegend hinterm Potzlow-See. Die Baumstämme sind ganz abgeschabt, weil die Keiler so gerne ihre Rücken daran scheuern. Wir beobachteten zwei Wildsauen, die fröhlich durchs Unterholz preschten.

Auf dem Rückweg erklärte M. mir, dass die Stellen des Eises, die mit Schnee bedeckt sind, dünner seien als die ohne Schnee. Interessant. Dann erklang ein knirschendes Geräusch und ich versank bis zur Hüfte im eiskalten Wasser.

Die Natur ist eben ein gefährliches Pflaster: Eine Studie hat ergeben, dass freilaufende Biokühe oft weniger gesund sind als Käfig-Kühe. Beim Menschen hingegen scheint sich die Freilaufhaltung dennoch besser zu bewähren: Manfred Spitzer, Chef der Ulmer Universitätsklinik für Psychiatrie, jedenfalls rechnet ab 2020 mit 40000 Toten pro Jahr als „Spätfolge früher TV-Leidenschaft“. Die Gründe: Bewegungsmangel und Völlerei vor der Glotze. Auf nach Wildschweinland!

Weitere Informationen: www.potzlow.de

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