Zeitung Heute : Einbruch in die Seele

Was Opfern bei der Bewältigung helfen kann.

Susanna Hoke

Die Unsicherheit bleibt. Während sich der materielle Verlust nach einem Einbruch meist ersetzen lässt, leiden viele Opfer noch lange an den Folgen. Sie empfinden die eigenen vier Wände nur noch als fremd und bedrohlich – diesen Verlust der Privatsphäre kann keine Schadensersatzzahlung wiedergutmachen. Besonders bei älteren Menschen kann solch ein Erlebnis oft gravierende gesundheitliche Folgeschäden auslösen. Viele sind traumatisiert und fühlen sich allein gelassen. Selbst mit Freunden oder Verwandten darüber zu sprechen, fällt ihnen schwer. Die Folgen sind Angst, Wut, Hilflosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Albträume bis hin zu Panikattacken, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Halten diese Stresssymptome über Wochen an, brauchen die Betroffenen professionelle Hilfe.

„Die Reaktionen nach einem Einbruch fallen ganz unterschiedlich aus: Der eine räumt seine Wohnung auf, lässt sich die gestohlenen Wertsachen von der Versicherung ersetzen und fertig. Bei anderen ist die psychische Barriere so groß, dass sie ihr Haus nicht mehr allein betreten können“, sagt Veit Schiemann, Sprecher der Organisation Weißer Ring. Seelische Probleme könnten auch körperlich krank machen: Manche bekämen Hautausschlag, andere litten unter Kopfschmerzen oder Magenproblemen. Der gemeinnützige Verein kümmert sich mit einem Hilfsnetz aus bundesweit 420 Anlaufstellen um die Opfer von Straftaten.

„Die meisten brauchen erst einmal vor allem menschliche Zuwendung. Es dauert seine Zeit, das Erlebnis zu verarbeiten“, sagt Gisela Raimund vom Weißen Ring Berlin, der 14 Außenstellen unterhält. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter treffen sich mit Kriminalitätsopfern im Café oder besuchen sie zu Hause und besprechen, wie man ihnen individuell helfen kann. In schweren Fällen, wenn die Betroffenen sich nicht mehr nach Hause trauen, werden sie direkt in die Trauma-Ambulanz oder eine Klinik vermittelt. Die Ehrenamtler können auch Beratungschecks für ein erstes Gespräch beim Therapeuten ausstellen. Sie begleiten bei Terminen bei der Polizei oder vor Gericht, helfen im Umgang mit den Behörden und bei der Erledigung von Formalien. Darüber hinaus sind finanzielle Zuwendungen zur Überbrückung von Notlagen möglich.

Bei einer Befragung des Weißen Rings gaben 88 Prozent der Einbruchsopfer an, sie hätten Angst, es könnte wieder passieren. Vor allem Frauen beschäftigt die Frage, was passiert wäre, wenn sie die Täter noch in der Wohnung angetroffen hätten. Fast jeder Zweite hatte das ausgeprägte Bedürfnis, nicht mehr allein sein zu wollen. Wie man sich mit speziellen Sicherungsmaßnahmen in Zukunft besser schützen kann, auch dafür gibt die Organisation Hinweise.

Darüber hinaus fordert der Verein, Opfer von Einbrüchen beim Opferentschädigungsgesetz gleichzustellen. „Der Schock und die psychischen Belastungen, mit denen sie zu kämpfen haben, wiegen genauso schwer wie eine körperliche Gewalttat“, sagt Schiemann. In diesem Fall könnten die Geschädigten einen Antrag beim Versorgungsamt stellen und bekämen die Therapiekosten leichter ersetzt. Susanna Hoke

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