Einbruchschutz : Schau, wer bricht von draußen ein?

Moderne Sicherheitstechnik soll "Safety first" störungsfrei garantieren.

Überdurchschnittlich viele Einbrecher kommen laut Kriminalstatistik aus dem Ausland. Drei von vier Tatverdächtigen sind allerdings Deutsche.
Überdurchschnittlich viele Einbrecher kommen laut Kriminalstatistik aus dem Ausland. Drei von vier Tatverdächtigen sind allerdings...Foto: Fotolia/Itzehoer Versicherungen

Die Zahl der Wohnungseinbrüche hat in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Und der negative Trend setzt sich fort. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 167 136 Fälle registriert – fast zehn Prozent mehr als im Jahr 2014. Ähnlich hohe Zahlen gab es zuletzt in den späten 90er Jahren. Besonders gravierend waren die Anstiege in Hamburg (plus 20,2  Prozent), Nordrhein-Westfalen (plus 18,1 Prozent) und Niedersachsen (plus 13,1 Prozent).

Die Aufklärungsquoten liegen deutlich unter dem Niveau der allgemeinen Kriminalität. Bei Einbrüchen liegt sie im Schnitt bei nur rund 15 Prozent. Noch alarmierender ist, dass laut Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen die Anzahl an gerichtlich verurteilten Straftätern sogar nur bei 2,6 Prozent liegt.

75 Prozent aller Deutschen kennen laut Erhebungen des Berliner Startups „BuddyGuard“ jemanden, der bereits Opfer eines Einbruchs wurde. Was also ist zu tun? Und wie können sich Haushalte – über mechanische Sicherungssysteme hinaus – mit elektronischen Systemen schützen?

„Die hierzulande tief verankerte Versicherungsmentalität muss durch aktive Vorbeugung beim Einbruchschutz ergänzt werden“, fordert der Sicherheitsexperte Andreas Kaus, Geschäftsführender Direktor des westdeutschen Wach- und Schutzdienstes Fritz Kötter. „Parallel hierzu brauchen wir stärkeren politischen Rückenwind für neue Sicherheitsallianzen, die der Polizei mehr Freiraum für ihre Kernaufgaben wie Gefahrenabwehr und Kriminalitätsbekämpfung verschaffen."

Seit November 2015 gibt es ein umfassendes Förderprogramm des Bundes

Tag für Tag ereignen sich mittlerweile bundesweit mehr als 450 Wohnungseinbrüche. Dabei sind die rund vierzig Prozent der Wohnungseinbrüche noch nicht eingerechnet, die laut Statistik im Versuchsstadium stecken bleiben. Der finanzielle Schaden beläuft sich nach Angaben der Versicherungswirtschaft auf jährlich über eine halbe Milliarde Euro. Prävention ist also in jedem Fall angesagt. Aber welcher Art?

Seit November 2015 gibt es ein umfassendes Förderprogramm des Bundes: „Kriminalprävention durch Einbruchssicherung“. Es unterstützt bauliche Maßnahmen und ist mit insgesamt dreißig Millionen Euro für einen Zeitraum von drei Jahren ausgestattet. Zudem will die Große Koalition die Sicherheitsbehörden des Landes durch zusätzliche Stellen personell verstärken. Doch die Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen ist in erster Linie Ländersache. Trotz geplanter Personalaufstockungen in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern bleibt zu berücksichtigen, dass die Ausbildung neuer Polizeikräfte mindestens drei Jahre dauert.

„Dies unterstreicht die Bedeutung präventiver Maßnahmen, bei denen Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch stark hinterherhinkt“ sagt Kaus. Die Wirkung zum Beispiel von Sicherheitstechnik wie Gefahrenmeldeanlagen und Videotechnik plus Aufschaltung auf rund um die Uhr besetzte Notruf- und Serviceleitstellen sei klar belegt, sagt der Chef des Wach- und Schutzdienstes Fritz Kötter. Kombiniert werden sollten die technischen Maßnahmen mit personeller Sicherheit wie Revierwach- und Interventionsdiensten zur regelmäßigen Objektkontrolle beziehungsweise Überprüfung oder Sicherung bei Auffälligkeiten und Schäden. Hört sich gut und einfach an, ist aber auf privater Ebene schwer zu realisieren – und kommerzielle Sicherheitsdienste kosten.

Kameraüberwachungssysteme können Probleme machen

So gibt es einen Boom bei den Alarmanlagen. Es gibt diverse Funkalarmsysteme. „Immer mehr Anbieter drängen auf den Markt“, sagt Sicherheitsexperte Timm Schütz. „Doch sie achten nicht darauf, dass ihr Home-Automatisierungssystem auch wirklich funktioniert und sicher ist.“ Schütz leitet das Schulungsteam sowie die technische Hotline bei Telenot, einem der größeren Alarmanlagen-Hersteller in Deutschland. Selten halten die Alarmsysteme, was sie versprechen. Denn Technik ist stets störungsanfällig und das muss gar nicht am Anbieter liegen.

Es gibt Systeme, die nicht automatisch wieder hochgefahren werden, wenn der Strom ausfällt. Probleme können auch Kameraüberwachungssysteme machen, wenn ihre Konfiguration die örtlichen Telekommunikationsnetze oder PC und Handy überfordern: Die laufenden Bilder können dann nicht – wie vor der Installation versprochen – in der Ferne abgerufen werden. Der Bildschirm bleibt in diesen Fällen dunkel. Es soll Haushalte geben, für die nach der Anschaffung einer Kameraüberwachungsanlage erst einmal neue Computer gekauft werden mussten, um – im Falle des Falles – verdächtige Bilder zu betrachten. Auch die Einstellung und Platzierung von Kameras kann ein Problem sein. Sind sie ungünstig platziert, signalisieren sie im Minutentakt über Alarmmeldungen verdächtige Bewegungen vor dem Haus: etwa wenn sie in Nähe von Ästen jede Windbewegung registrieren.

Knifflich kann auch das An- und Ausschalten der Anlage sein. Es gibt Systeme, die über einen Türdrücker scharf geschaltet werden und bei zu ruckartigem Öffnen der Tür nach dem Aufschließen Alarm geben.

Die meisten Systeme alarmieren über eine analoge Telefonverbindung oder auch drahtlos einen Sicherheitsdienst oder eine Notrufzentrale. Hier wird es wieder spannend – und eventuell teuer. Denn zum einen kostet dieser Service monatlich einen Betrag von rund dreißig Euro. Zum Zweiten ist die Frage zu beantworten, wie dieser Dienst auf einen Alarm reagieren soll.

Das Startup „BuddyGuard“ brachte ein neues Produkt auf den Markt

Natürlich ist das eine Frage der Absprache. Man kann zum Beispiel hinterlassen, dass man telefonisch informiert wird und selbst aktiv werden. Eine zweite Option wäre, die Polizei verständigen zu lassen. Doch handelt es sich um einen Fehlalarm, lässt sich die Polizei den Einsatz bezahlen. Dies gilt auch, wenn der Nachbar durch die Sirene der Alarmanlage aufgeschreckt wurde und in bester Absicht für seinen Nächsten die Männer in Uniform ruft. Natürlich gibt es auch private Sicherheitsdienste, die auf Wunsch anrücken und vor Ort nach dem Rechten schauen. Auch sie lassen sich die Arbeitszeit verständlicherweise bezahlen.

Nicht-staatliche Sicherheitssysteme sind trotz technischer Anfälligkeiten auf dem Vormarsch. Das Berliner Startup „BuddyGuard“ hat in diesem Monat ein neues Produkt auf den Markt gebracht, dessen „künstliche Intelligenz“ alles durchschauen soll, was im Eigenheim oder in der Eigentumswohnung so vor sich geht: Sobald ein bekannter Nutzer sich im überwachten Bereich der Wohnung befindet, deaktiviert „Flare“ – so der Name des Systems – automatisch.

Ist kein Eigentümer oder jemand aus dem privaten Umfeld in unmittelbarer Reichweite, passt es mittels Kamera, Bewegungsmelder, Mikrofon und weiteren Sensoren darauf auf, dass sich niemand unerwünscht Zutritt zur Wohnung verschafft. Ist ein Unbefugter im Haus, soll der elektronische Wachhund den Eindringling vertreiben, indem er typische Geräusche des Bewohners wie Stimmen, Geschirrklappern oder Schlüsselrasseln nachahmt. Wenn dies alles nicht hilft, so versprechen die Macher von „BuddyGuard“, ruft das System eigenständig oder nach Rücksprache mit dem Besitzer die Polizei oder den Sicherheitsdienst.

Ersonnen hat das System Herbert Hellemann. Der Gründer des Startups „BuddyGuard“ kehrte nach einem Wochenendausflug in seine aufgebrochene Wohnung zurück: Schmuck, Laptops, Bargeld – alles war gestohlen, die Wohnung verwüstet. „Viel schlimmer war, dass mein Neffe dadurch lang nicht mehr schlafen konnte, da er während des Einbruchs zu Hause und dadurch noch lange traumatisiert war.“

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