Zeitung Heute : Eindrückliche "oral history" über eine Mädchen-Schulklasse im Nazideutschland

Heinz Kersten

Eine Runde älterer Frauen vor einem Klassenfoto: Erinnerungen an gemeinsame Jahre in der Mädchenoberschule Ulm, 1932 bis 1942. "Es war eine lustige Zeit": so rückblickend eine der inzwischen Graugewordenen, und "Inge und Sophie Scholl waren dabei". Vom Todesurteil gegen die Geschwister Scholl erfuhren die ehemaligen Klassenkameradinnen aus der Zeitung. Beim BDM waren fast alle. "Es wurde marschiert und gesungen": treffende Charakterisierung der NS-Vergangenheit. Die jüdischen Mitschülerinnen berichten, wie es für sie immer unerträglicher wurde, bis sie nach Ungarn und Palästina auswanderten. Eine der Zurückgekehrten: "Ich hab Ulm sehr gern, aber vor den Menschen hab ich immer noch Angst."

Sibylle Tiedemann und Uta Badura ist ein packendes und berührendes Zeitbild gelungen, das stilistisch an die Arbeiten von Eberhard Fechner erinnert. Unter Verzicht auf eigenen Kommentar lässt der Film nur die geschickt, manchmal auch kontrapunktisch montierten Aussagen der Frauen für sich sprechen, die noch heute unterschiedlich an jene Vergangenheit zurückdenken. Dazwischen stumme Pausen mit Jugendfotos, Zeitungsausschnitten, zeitgenössischen Filmaufnahmen der Stadt und uniformierter Mädels bei Sport, Tanz und Aufmärschen. Eindrückliche "oral history".

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