Zeitung Heute : Eine amerikanische Verführung

Blumen auf dem Tisch, am Boden der schwarze Hund des Präsidenten: Harmonie, nichts als Harmonie. Beim Treffen mit Schröder und beim G-8-Gipfel hat Bush nur eins im Sinn: den Wahltag

Malte Lehming

Sonne, Wasser, Strand und Palmen. Was braucht die Seele mehr? Charmante Südstaatler, gutes Essen, Meeresbrandung, laue Nächte. Wessen Herz will da hart bleiben? Und damit keiner vergisst, wie ernst die Lage ist, ziehen Kampfhubschrauber ihre Runden über der Idylle, Schnellboote kreisen entlang der Küste, auf den Straßen patrouilliert eine ganze Armee. Die Staats- und Regierungschefs der acht mächtigsten Wirtschaftsnationen sind in einen goldenen Käfig gesperrt worden. Sie sind gezwungen, den Verführungen zu erliegen. Entkommen kann keiner.

Für den amerikanischen Präsidenten läuft die „Operation Wiederwahl“. Was auch immer in diesen Tagen geschieht, gesagt oder zelebriert wird, zielt auf den 2.November. An diesem Tag entscheiden die Amerikaner, ob George W. Bush im Amt bleibt. Auch der G-8-Gipfel auf der Luxusferieninsel Sea Island lässt sich ohne dieses Datum nicht verstehen. Die Teilnehmer sind Statisten in einer grandiosen Inszenierung. Sich dagegen aufzulehnen, wäre sinnlos. Die Umarmungen sind erdrückend.

Hat Bush je herzlicher über den deutschen Kanzler geredet? Wie alle Bilder, die aus Sea Island an die Öffentlichkeit gelangen, signalisiert deren erstes Treffen nichts als Harmonie. Offenes Hemd, Kamin und Fahnen im Hintergrund, auf dem Tisch frische, gelbe Blumen, am Boden der schwarze Hund des Präsidenten. Ein „senior administration official“, wie jene genannt werden, die im Anschluss an jedes Treffen die Presse informieren, spricht später von der „wärmsten Begegnung seit der Zeit vor dem Irakkrieg“. Getragen von gegenseitiger Sympathie habe man sich quasi festgeredet und darüber die Zeit vergessen. Viel „länger als geplant“ habe das Treffen gedauert. Differenzen: keine. Sogar über eine mögliche Rolle der Nato im Irak habe Schröder mit sich reden lassen. Sicher, Deutschland werde keine Truppen stellen, aber das macht nichts. Hauptsache, die Bundesregierung legt sich nicht länger quer.

Schröders Gesicht ist faltenzerfurcht, der Körper entspannt. Sein Mantra sind die hohen Ölpreise, über die auf dem Gipfel dringend diskutiert werden müsse. Aber damit dringt er nur bis in die deutschen Fernsehstuben vor. Die Agenda auf Sea Island beherrschen andere Themen: die Reforminitiative zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten in der arabischen Welt, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, der Kampf gegen den Terrorismus. Alles andere ist Nebensache oder Show. Warum sind die Ölpreise so hoch? Weil in den USA, Japan, China und vielen anderen Staaten die Wirtschaft brummt und daher der Energiebedarf weltweit rasant gestiegen ist. Die Deutschen zahlen also für jenen Aufschwung mit, den sie selbst nicht zustande gebracht haben.

Die knapp 3000 Journalisten, die über den G-8-Gipfel berichten, sind 140 Kilometer vom exklusiven Ort des Geschehens entfernt in der Stadt Savannah untergebracht. Wer Glück hat, gehört zu einem winzig kleinen Pool, der ab und zu auf die Insel darf, um dort bei Händegeschüttel, Familienfoto und Minutenstatement dabei zu sein. Die Mitglieder des Pools hören und sehen nur das, was sie hören und sehen sollen. Die traute Eintracht, die stets gelöste Atmosphäre, den Auftritt des neuen irakischen Präsidenten, die Gäste aus Afrika. Alle anderen Korrespondenten sitzen im internationalen Medienzentrum auf Hutchinson Island, ebenfalls nur per Schiff zu erreichen. Es ist ein Gipfel der Bilder und der Deutungen. Wer mitmacht, ist ein Teil der Botschaften, die von hier aus gesendet werden sollen.

Bush will in dieser Woche die Wende schaffen. Der G-8-Gipfel ist eine Station auf diesem Weg. Vor kurzem noch saß der Präsident im selbst verschuldeten Schlamassel. Keine Massenvernichtungswaffen im Irak, das Elend der Besatzung, die Folteraffäre, eine ungewohnte internationale Isolierung: All das ließ seine Popularität auf einen Tiefstand sinken. Jetzt erfolgt der Gegenschlag. Die Arbeit am Imagewandel hat begonnen. Für die Strategen im Weißen Haus war der Juni schon seit Monaten der Schlüsselmonat. Gut möglich, dass sie Recht behalten.

Den Anfang der Wende leitete die Vergangenheit ein. Bei der Einweihung des in Washington errichteten Denkmals zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg war Bush der Hauptredner. Seine unterschwellige Botschaft: Der Kampf gegen das Böse verlangt manchmal viele Opfer. In Zeiten der Gefahr muss eine Nation zusammenrücken. Dieselbe Botschaft, plus einer Ermahnung an die transatlantische Solidarität, verbreitete er bei den Jubiläumsfeierlichkeiten zum D-Day in der Normandie. Gemeinsam sind wir stark, Streit schwächt uns alle. Amerikanische Medien diagnostizierten bereits eine neue „Kameraderie“ mit den prononciertesten Gegnern des Irakkrieges.

Kurz zuvor war George Tenet, der CIA-Chef, zurückgetreten. Auf ihn wurde die Verantwortung für das Kriegsgrunddebakel abgewälzt. Ebenfalls demonstrativ war der Exiliraker Ahmed Chalabi entehrt worden. Er war es, der versprochen hatte, die US-Soldaten würden von den Irakern als Befreier mit Blumen empfangen. Schließlich wurde Ricardo Sanchez versetzt, der Oberbefehlshaber im Irak. Damit soll die Folterdebatte ad acta gelegt werden. Aus Sicht des Weißen Hauses sind für die Skandale rund um den Irakkrieg die Schuldigen bestraft worden, bis Anfang der Woche war nur noch eine Flanke offen – die fehlende internationale Solidarität. Und nun das: Einstimmig verabschiedet der UN-Sicherheitsrat, pünktlich zum G-8-Gipfel, eine neue Irakresolution. Dem Druck der US-Regierung konnte niemand widerstehen. Bush im Glück.

Die nächsten Etappen auf dem Weg zur transatlantischen Wiedergutwerdung als Teil der „Operation Wiederwahl“ sind vorgezeichnet. Der Gipfel auf Sea Island endet mit überschwänglichen Bekundungen der Harmonie. Der Westen hat sich wieder lieb. Am 25.Juni folgt ein amerikanisch-europäisches Gipfeltreffen in Irland, kurz darauf der Nato-Gipfel in Istanbul, dann die Machtübergabe im Irak. Seht her, wird es aus Washington triumphierend dröhnen, ein freies Land im Herzen der arabischen Welt, UN und Nato sind eingebunden und wieder auf amerikanischer Seite, unsere Soldaten ziehen bald ab, die Wirtschaft floriert! Das alles haben wir Bush zu verdanken.

Auch am Freitag, bei der Trauerfeier für Ronald Reagan, wird Bush eine Rede halten. Sicher wird er die Parallelen zu seinem Vorbild durch jede Zeile scheinen lassen. Beide kürzten radikal die Steuern, beide fochten leidenschaftlich wider „das Böse“, beide wurden entweder geliebt oder verachtet. Bush sieht sich als Erbe Reagans. Als er bei den D-Day-Feiern gefragt wurde, was er von den Animositäten vieler Europäer gegenüber seiner Person halte, antwortete er: „Reagan mochten sie ebenso wenig. Das heißt nicht, dass einer wie ich seinen Glauben ändern muss.“ Die „Operation Wiederwahl“ kennt weder Grenzen noch Pausen. Ob lebendig oder tot: Außerhalb des Weißen Hauses sind alle zu Statisten geworden.

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