Zeitung Heute : Eine andere Welt kennen lernen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Das eindrucksvollste Erlebnis der vergangenen Tage hat mal nichts mit dem gängigen Sonntag zu tun. Sondern mehr mit dem ursprünglichen Sonntag, dem Sabbat. Es ist hierzulande immer noch ein besonderes Privileg, an einer jüdischen Zeremonie teilnehmen zu dürfen. Ich hatte also das große Glück, zur Bar Mizwa von Aaron Leonard Smith eingeladen zu werden. Bar Mizwa bedeutet „Sohn der Pflicht“ und entspricht ungefähr der Konfirmation oder der Firmung der großen christlichen Konfessionen. Mit Vollendung des 13. Lebensjahres hat der Junge seine religiöse Mündigkeit erreicht und ist ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde mit allen Rechten und Pflichten. Zum ersten Mal wird er vom Rabbiner zur ToraLesung aufgerufen.

Die schöne Synagoge mit dem Sternenhimmel in der Rykestraße war voll besetzt. Allein 50 Verwandte des Berliner Jungen waren aus den USA angereist, andere aus Frankreich und Israel. Auch etliche nicht-jüdische Berliner waren gekommen.

Aaron saß neben seinem Vater in der ersten Reihe. Bei der Bar Mizwa trägt ein Junge zum ersten Mal den Gebetsschal, ein weißes Tuch mit blauen oder schwarzen Randstreifen, der ihn sein Leben lang begleiten wird. Von nun an kann er einer von zehn Männern sein, die erforderlich sind, um einen Gottesdienst zu halten. Bevor der Junge an die Reihe kam, las der Rabbiner, dann wurden sein Großvater, sein Vater und mehrere Cousins und Onkel zur Tora-Lesung, aus dem Fünften Buch Moses aufgerufen („…dass nicht vom Brote allein der Mensch lebt…“). Schließlich kam der große Moment. Aaron selbst war an der Reihe zu lesen, und zwar auf Hebräisch. Er las wie ein Kantor mit schöner, klarer, lauter Stimme und großer Sicherheit. Dann wandte er sich der Gemeinde zu und ging in einer sehr persönlichen, sehr bewegenden Ansprache darauf ein, dass man nichts selbstverständlich nehmen solle. Eine seiner größten Gaben sei die Familie, die ihn umgebe. Es sei ja immer davon die Rede, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen angespannt seien. Seine Erfahrung als Mitglied einer großen deutsch-amerikanisch-jüdischen Familie sei eine andere. Er sprach davon, dass sich alle Teile der Familie jederzeit aufeinander verlassen können. Schlug einen großen Bogen zur Urgroßmutter aus Königsberg, auf die der amerikanische Teil seiner Familie zurückgeht. Auch um ihretwillen sei er stolz, an diesem Tag an dieser Stelle zu stehen. Der Rabbiner sprach in seiner Predigt überaus herzlich von den Hoffnungen, die sich für die Gemeinde mit dem Jungen verbinden. Vor allem nicht-jüdische Gäste waren gerührt von der großen menschlichen Wärme, mit der die Älteren den Jungen durch die Zeremonie leiteten, viele Umarmungen, die dem eigentlichen Aufnahmesegen des Rabbiners vorausgingen.

Anschließend gab es eine Kiddush-Zeremonie, bei der Brot und Wein gesegnet wurden, woraufhin das Büffet eröffnet war und im Hof eine fröhliche Party gefeiert wurde. Ein Schatten war schon auch dabei: Bis jeder weiß, was gemeint ist, wenn man eine Bar Mizwa erwähnt, wird wohl noch viel Zeit vergehen. Aaron ist nicht nur für seine Gemeinde ein Hoffnungsträger.

Es war wie gesagt ein Samstag, aber sonntäglicher kann ein Erlebnis trotzdem kaum sein.

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