Zeitung Heute : Eine andere Welt

Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmtheit – das ist es, was die iranischen Studenten auf die Straße treibt. Lange hat die junge Generation auf Veränderungen im System gewartet. Jetzt verliert sie die Geduld.

Andrea Nüsse

PROTESTE IM IRAN

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Alternde Geistliche kontrollieren das politische und System Irans, dessen Bevölkerung zu 70 Prozent jünger als 30 Jahre ist. Diese Jugend hatte große Hoffnungen auf Präsident Mohammed Chatami gesetzt, der mit einem Reformkurs angetreten war und seit Frühjahr 2000 von einem von Reformern dominierten Parlament unterstützt wird. Lange zeigte sie sich sehr geduldig und setzte auf eine langsame Veränderung des Systems. Mittlerweile ist deutlich, dass die konservativen Kräfte in Justiz und Wächterrat, die jedes Gesetz als „unislamisch“ blockieren können, die demokratisch legitimierten Institutionen systematisch behindern. Auch wenn die Rede- und Pressefreiheit trotz aller Rückschläge gewachsen ist und sich eine mächtige Zivilgesellschaft mit unabhängigen Vereinigungen herausbilden konnte. Die iranische Jugend stößt sich immer mehr an der Bevormundung der Kleriker. Sie will nicht mehr vorgeschrieben bekommen, wie sie sich zu kleiden hat, welche Musik sie in der Öffentlichkeit hören darf und wie sie sich benehmen soll.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, zumindest in der Hauptstadt Teheran: So halten junge Männer in der Öffentlichkeit die Hand ihrer Freundin. Die vorgeschriebene islamische Kleidung ist bei vielen jungen Frauen auf eine gerade mal über das Gesäß reichende Bluse mit Ärmeln und ein buntes Kopftuch zusammengeschrumpft, unter dem die langen Haare hervorquellen. Viele junge Männer tragen ebenfalls lange Haare, die oft in einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Dies ist ein Zeichen des Protests gegen die gewünschte islamische Haartracht, die für Männer kurzes Haar und möglichst einen Bart vorsieht. Sie treffen sich in „coffee shops“ und Internetcafes, wo sie mit der Welt kommunizieren. Raubkopien aller westlichen Filme und Popgruppen sind billig zu kaufen und werden zu Hause konsumiert. In einigen Cafes in der Jordan-Street wird amerikanische Popmusik sogar öffentlich gespielt.

Aber die Angst ist immer da. Zwar halten sich die staatlichen Tugendwächter mittlerweile mehr zurück. Dennoch droht die Gefahr, wegen Verstößen gegen die öffentliche Moral, wie sie von den Hardlinern des Regimes vorgegeben wird, zu verstoßen und Ärger zu bekommen. So feiern junge Leute in Privathäusern ihre Parties, wo die Mädchen ihre Kopftücher abnehmen. Wenn allerdings Nachbarn die Polizei benachrichtigen, werden die Gäste ins Revier der Tugendpolizei mitgenommen. Dort müssen die Eltern sie abholen und schriftlich hinterlegen, dass dies nie wieder vorkommt. Möglicherweise auch eine Geldstrafe bezahlen. Oder ein junger Mann muss seine Eltern bitten, seine Freundin nach der Party nach Hause zu fahren. Sollte er nachts im Auto mit einer Freundin erwischt werden, bekäme er ebenfalls Ärger. In der staatlichen Kunsthochschule von Teheran wird ein Rockkonzert verboten. „Für 40-Jährige ist das vielleicht nicht wichtig“, meint der Student Bassim, „aber wir wollen unsere Jugend ausleben.“

In der Provinz ist der Einfluss der Tugendwächter noch größer: So berichtete eine Studentin aus Isfahan, dass sie vom Moralkomitee ihres Wohnheims vorgeladen wurde. Der Vorwurf: Sie spreche zu viel mit Männern und kleide sich provozierend. Ihr wurde eine Liste mit 13 Koran-Versen ausgehändigt, die sich mit islamischer Kleidung beschäftigen. Ein männlicher Student an der gleichen Uni wurde nach eigenen Angaben von Mitgliedern der paramilitärischen Basij-Miliz verprügelt, weil er in Unterwäsche über den Gang des Studentenwohnheims lief.

Und auch gegen die immer kürzer werdenden Blusen und Übermäntel der jungen Frauen wird regelmäßig vorgegangen. So wurden Teheraner Kleiderläden Anfang Mai in einem Schreiben davor gewarnt, Mäntel, die nicht über das Knie reichen oder seitliche Schlitze haben, zu verkaufen. Wirklich aufhalten können solche Eingriffe die „Lockerung der Sitten“ wohl nicht. „Aber trotzdem machen sie uns Angst“, sagt Bassim, „und das sind wir leid.“

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