Zeitung Heute : Eine Anleitung: Wie frühstücke ich richtig?

Franz Lerchenmüller

Sie wissen nicht, wie man sich beim Frühstücken im Hotel richtig verhält? Hier ein paar Tipps

Kommen Sie stets vor der eigentlichen Öffnungszeit zum Restaurant, möglichst noch schweißgebadet im Jogginganzug, und rütteln Sie an der verschlossenen Tür. Kellner der Frühschicht schätzen es, anderen Frühaufstehern zu begegnen, die sich ebenfalls schon abgemüht haben.

Trinken Sie direkt am Büffet drei Gläser Orangensaft in kleinen Schlucken. Gäste, die um den hohen Flüssigkeitsverlust in südlichen Ländern wissen, nehmen die notwendige Wartezeit gern in Kauf.

Wichtig ist die Wahl der richtigen Brotsorte. Blätterteig krümelt, wie der Croissant-Quetschtest beweist. Brötchen splittern, haut man drauf. Ob Graubrot frisch ist, kann nur eine sensorische Prüfung erweisen. Arbeiten Sie sich Scheibe für Scheibe von außen nach innen vor.

Das Büffet ist der richtige Ort für die Austragung weltanschaulicher Differenzen. Als Anhänger der nichtfleischlichen Küche träufeln Sie eine dünne Spur Honig über die Mortadella. Schnitzelfans stecken den Löffel aus dem Tunfischsalat ins Marmeladenglas zurück.

Drücken Sie Respekt für die kulinarische Kultur Ihres Gastlandes aus, indem Sie von griechischem Käse, spanischer Wurst oder schwedischem Hering größere Mengen nehmen. Das Meiste lassen Sie hinterher auf dem Teller zurück. Schließlich sind Sie kein verfressener Teutone.

Brät jemand Eier auf Bestellung, geben Sie ihm die Chance, sein wahres Können unter Beweis zu stellen: "¡A la Benedictine! Und zwar auf den Punkt, mein Freund."

Bei Würstchen wählen Sie geschlossene, möglichst aufgetriebene Exemplare. Im richtigen Winkel angestochen, erweisen sie sich später am Tisch, beim Kampf um Platzvorteile, von hohem taktischem Wert.

Den Saal mit einer Tüte geschmierter Stullen zu verlassen, ist eine grobe Unsitte. Als schicklich gilt, sich verschiedene Lagen Parmaschinken oder Räucherlachs einzuschlagen. Dazu passt ein Jahrgangschampagner am Strand.

Fördern Sie die mitmenschliche Kommunikation in der Warteschlange. Beliebt sind Themen, die alle angehen: mitternächtliche Verdauungsprobleme, die blasierte Dame im lila Top, oder die Manipulationsversuche bei den letzten Vorstandswahlen im Kegelclub zu Nüsse-Wedau. Ihnen wird schon was einfallen!

Nunmehr bereiten Sie sich auf den Sturm um den einzigen freien Tisch vor. Ein Brötchen unter die Achsel, das weiche Ei unters Kinn geklemmt, in der Linken die Tasse Kaffee mit zwei Blätterteigtörtchen, rechts je einen Teller mit Obstsalat beziehungsweise einer repräsentativen Auswahl der Wurstplatte - alles klar? Damit sind Sie gerüstet. Der rechte Ellbogen bleibt natürlich frei. Im Nahkampf gegen müslischalenschleppende Mitbewerber kann er von unschätzbarem Vorteil sein.

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