Zeitung Heute : „Eine Art Boris Becker fürs Schach“

Chessbase-Entwickler zur Zukunft des Spiels der Spiele im Internet

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Herr Schulz, wie geht es weiter mit dem Schachcomputer Deep Fritz, der gerade in einem spektakulären Kampf dem Weltmeister Wladimir Kramnik ein 4:4Unentschieden abgetrotzt hat?

Wir setzen unsere Entwicklung normal fort. Die Programmierer Frans Morsch und Mathias Feist haben in den vergangenen Tagen viel gelernt. Einen besseren Tester als den Weltmeister kann man sich nicht vorstellen.

Hat der Computer im Match gegen den Menschen „Fehler" gemacht?

Ja. Am schlimmsten in der dritten Partie, als er mit dem Zug a2-a3 zeigte, dass er nichts von der Position verstand. Aber es gab auch in anderen Partien Ungenauigkeiten.

Wie kann man das Programm verbessern?

Im Rechnen ist Deep Fritz schon riesig, aber es gibt noch Lücken im Schachverständnis. Im Match haben wir gesehen, dass er bestimmte Strukturen wie zum Beispiel Stellungen mit Doppelbauern nicht ausreichend versteht.

Wann wird es so weit sein, dass ein Schachcomputer nicht mehr von einem Menschen zu schlagen ist?

In fünf bis zehn Jahren. Das hängt auch davon ab, ob das Computerschach mit Veranstaltungen wie der in Bahrain weiter große Impulse erhält.

Alle reden plötzlich von Schach.

Toll, nicht? Der Kampf Mensch gegen Maschine ist die Auseinandersetzung des Menschen mit anders denkenden Wesen, einer Art Alien. Das finden die Leute spannend. Deep Fritz ist hier das Alien, das den Menschen im Schach angreift. Unser Mensch, Kramnik, war gut im Rennen und hat dann ein bisschen schlapp gemacht. Trotzdem ist ein 4:4 ja keine Katastrophe. Das war schon besser als bei Kasparow.

Der 1996 gegen den Schachcomputer Deep Blue kläglich verlor.

Genau, ich sehe die Medienresonanz auf all diese Computerevents als schöne Werbung für Schach überhaupt. Es zeigt doch, wie spannend Schach ist. Deep Fritz ist ja ein deutsches Programm, eine Art Boris Becker fürs Schach, wenn auch mit viel weniger Frauengeschichten.

Das Match wurde im Internet live übertragen. Wieviel Menschen haben da zugeschaut und mitgechattet?

Auf unserem Fritz-Server schach.de hatten wir immer so etwa 1000 Leute. Weitaus mehr haben sich das aber auf diversen Webseiten angesehen. In Deutschland bestimmt 250 000 Zuschauer zur gleichen Zeit, weltweit sicher über eine Million.

Falls die Blut geleckt haben und Schach spielen wollen, ohne ständig einen Partner zu haben – gibt es einen Nachfolger vom Programm Fritz7, der Kaufversion von Deep Fritz?

Ja. Fritz8 erscheint zum Ende des Jahres. Die Werbung hat sich auch für Fritz&Fertig ausgewirkt, ein Schachlernprogramm, dass wir zusammen mit Terzio entwickelt haben.

Wer soll nun als Nächster die menschliche Ehre gegen die Computer verteidigen?

Ex-Weltmeister Kasparov wollte im Dezember gegen Deep Junior spielen, ein israelisches Programm, das wir vertreiben. Aber Kramnik ist der stärkste Gegner im Moment. Will jemand eine Revanche organisieren?

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg

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