Zeitung Heute : Eine ausgezeichnete Frau

Iris Berben engagiert sich seit Jahren mit Lesungen gegen Antisemitismus, heute erhält sie den Leo-Baeck-Preis

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Von Bas Kast

Das Erste, was sie sagt, noch bevor sie sich auf die Couch setzt und einen Espresso und einen Orangensaft bestellt, sagt sie ganz leise: „Das ist ein Preis, der weh tut“. Und doch sieht man, dass sie stolz ist, sie, die schon das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, einen Bambi, eine Goldene Kamera. Zum ersten Mal verleiht der Zentralrat der Juden heute einer Schauspielerin den Leo-Baeck-Preis. Vor Iris Berben haben ihn vor allem Politiker, vor allem Männer bekommen: Richard von Weizsäcker etwa, Johannes Rau, Helmut Kohl, Roman Herzog.

Iris Berben, 52, sie wirkt zierlicher als im Film. Sie ist schön, man kann schon sagen, dass sie sehr schön ist, und alle sagen es ja auch, ständig, nur Paul nicht. Paul ist auch der Grund, weshalb sie, die sonst zu Interviews immer überpünktlich ist („sonst krieg ich Magenprobleme“), sich diesmal verspätet. Verabredet war 16 Uhr, und man wird etwas nervös, auch wenn es sich nur um Minuten handelt. Blick auf die Uhr: 16 Uhr 04. Bar oder Innenhof, das hat sie doch gesagt, am Telefon, und der Innenhof des Hotels ist geschlossen, weil es gerade geregnet hat. Paul ist auch derjenige, der bestimmen wird, wann das Interview zu Ende ist, aber das wird sich erst später im Gespräch herausstellen, genau wie das: dass es mit Paul „Liebe auf den ersten Blick“ war.

Dann, um 16 Uhr 05, steht sie plötzlich in der Bar. Sonnenbrille, schwarz-weißes Kleid und kommt direkt auf einen zu, nimmt die Brille ab, lächelt. Für viele ist sie die erotischste Frau Deutschlands, immer noch und immer wieder, wie oft muss sie sich das anhören, es nervt, und doch kann man sich dem nicht ganz entziehen, auch wenn es gar nicht der Grund ist, weshalb wir uns treffen.

Der Leo-Baeck-Preis ehrt „Menschen, die sich in hervorragender Weise für die jüdische Gemeinde in diesem Land eingesetzt haben“. Der Zentralrat der Juden dankt der Schauspielerin für ihr „Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus in der Gegenwart“. Iris Berben, die Schöne und das Hässliche. Wieso tut so ein Preis weh? Weil es doch etwas Selbstverständliches ist, aber offenbar auch nicht, denn das Selbstverständliche müsste man nicht auszeichnen.

Mit 18 Jahren war sie zum ersten Mal in Israel. Der Schlagersänger Abi Ofarim nahm sie mit nach Tel Aviv. „Wie verunsichert ich damals war, ich fühlte Schuld, ich wusste gar nicht, wie die Leute auf mich zukommen würden, und dann war ich überrascht, dass ich erst dort Deutschland kennen lernte, dass ich dort die Gespräche führen konnte, die man hier nicht führte.“ Die Gespräche darüber, was geschehen war. In Israel sieht sie zum ersten Mal Menschen mit einer eintätowierten KZ-Nummer am Arm. In Tel Aviv lernt sie ihren Lebensgefährten kennen, einen Sohn deutscher Juden, Gabriel Lewy, Gastronom.

Sprechen wir über die öffentliche Person Iris Berben, die zu allem etwas sagen soll. Oben, erzählt sie, und fast gelingt es, zu vergessen, wer sie ist, sie fasst dich an, wenn sie sich begeistert und merkt es gar nicht, oben, sagt sie, und meint ihre Wohnung um die Ecke, dort, wo Paul nun schon bestimmt eine Dreiviertelstunde auf sie wartet, liegen 20 Faxanfragen zum 11.September und ein Stapel zum 22.September – aber sie gibt keinen Kommentar. Nicht zu diesen Themen. Sie schweigt.

Aber der Rassismus von heute, das ist etwas anderes. Da wird ihr Privatleben politisch und die Politik wird für sie etwas ganz Privates, etwas, das ihr unter die Haut geht. Und das Private ist im Laufe der Jahre immer öffentlicher geworden. Sie liest in Schulen aus dem Buch der französischen Historikerin Annette Wieviorka „Mama, was ist Auschwitz?“, einem Buch, in dem eine Mutter auf die Fragen ihrer 13-jährigen Tochter zu antworten versucht, Fragen wie: Was bedeutet eigentlich SS? Was ist eine Razzia? Was, Mama, hatten die Juden denn getan, dass man sie alle töten wollte?

Sie liest auch aus den Tagebüchern von Anne Frank und Joseph Goebbels, vergleicht die Ängste der beiden, ohne sie gleichzusetzen. „Das habe ich jetzt 20 Mal gemacht“, im Berliner Ensemble, im Prinzregententheater in München, vor 600, vor 1000 Leuten. Und dann, wenn sie fertig ist und die Leute ratlos sind, nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, „denn es hört ja auch genau da auf, wo es richtig weh tut, wenn sie erst mal gar nicht klatschen, still sind und einfach nur dasitzen“, ergriffen, dann ist das „irr-sin-nig“, denn für einen Moment haben die Menschen dann auch sie vergessen, den Star – Iris Berben befreit von der öffentlichen Iris Berben, einen Moment lang.

Das ist dann ein bisschen wie in Tel Aviv, wo sie mit Gabriel Lewy eine Wohnung in dem alten Stadtteil Neve Zedek hat, wo sie „barfuß gehen“ kann. Unerkannt gehen. „Sie glauben gar nicht, wie das ist, egal, wo man hinkommt, egal, was man macht, immer das: Wie sieht sie aus? Was hat sie an? Lacht sie? Mit wem ist sie?“

Deshalb auch Paul. Wenn sie mit Paul ist, einem Jack Russell Terrier, „aber mit langen Haaren“, ein Hund, den sie nahm, weil er nicht genommen wurde, nach Ansicht des Züchters hatte das Tier eine hundsmiserable Genausstattung, „aber den besten Charakter“, wenn sie also mit ihm, dieser genetischen Katastrophe, durch Berlin geht, dann hilft das: „Er lenkt die Aufmerksamkeit von mir weg.“ Sonst kann sie, die immer beguckt wird, ja selbst nicht gucken, müsste mit Blick nach unten durch die Straßen huschen. Mit Paul geht sie nun auch in Berlin zwar nicht barfuß, wie sie sagt, „aber doch in Sandalen“.

In Tel Aviv kommen auch die Drohbriefe und die Beschimpfungen, „die so eklig sind, dass ich sie gar nicht sagen möchte, weil die kein Forum bekommen sollen“, nicht an. Etwa als sie in der Rolle als Kommissarin Rosa Roth Jerusalem zum Thema gemacht hatte. Dann kommt die Kehrseite der Leo-Baeck-Medaille zum Vorschein und einmal mehr der Grund, weshalb sie sich so engagiert. „Früher habe ich so eine Wut gekriegt, habe mich darüber so erregt, habe mich geschämt, auch meinem Partner gegenüber.“

Und heute? Wirkt sie gelassener. „Ich glaube, ich weiß langsam schon, worauf es ankommt“: Den Job, einige wenige Menschen, die Liebe, den Tod („ich hasse den Tod“). Und natürlich Paul. „Sorry“, sagt sie und sieht auf die Uhr, sie lacht. „Paul ist natürlich auch immer eine gute Ausrede, zu gehen“, sie steht auf und sagt dann noch: „Oh, ich bin so nervös!“ Weswegen denn? „Wegen Dienstag“, wegen der Auszeichnung. Und man denkt sich, während man sieht, wie sie geht: Vielleicht ist sie doch nicht so gelassen, vielleicht tut es ihr deshalb weh, für das Selbstverständliche ausgezeichnet zu werden. Oder vielleicht weiß sie einfach wirklich, wann es ein Gewinn ist, seine Gelassenheit zu verlieren.

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