Zeitung Heute : Eine Berliner Verlockung

Noch sitzt Klaus Töpfer im UN-Büro von Nairobi. Tritt er demnächst gegen Wowereit an? „Kein Kommentar“, aber er sei ein gutes CDU-Mitglied

Christoph Link[Nairobi]

Draußen vor den weiß lackierten Toren blasen die Busse für UN-Mitarbeiter stinkende Rauchwolken in die Luft. Die Busfahrer haben es eilig, denn die Vorschriften besagen, dass das Personal des Umweltschutzprogramms der Vereinten Nationen (Unep) in Nairobi bei Tageslicht zu Hause sein muss – wegen des hohen Risikos nächtlicher Überfälle. Nairobi hat die Sicherheitsstufe „C“ der UN, das ist besser als „E“ für Afghanistan, aber schlechter als Bogota mit einem „B“. Kriminalität, Armut und Krankheiten beschäftigen die Menschen in Kenia, eine Debatte über Feinstaub wie in Deutschland würde hier grotesk anmuten. Aber wer das parkähnliche Areal der Unep durchschreitet, der denkt, er könnte auch in Genf oder Washington sein, Afrika scheint weit weg, das ist hier eine eigene, geordnete Welt. Die Fahnen der 191 UN-Staaten flattern im Wind, der Rasen ist englisch-kurz gepflegt, Vögel zwitschern, alter Baumbestand. Klaus Töpfer hat vielleicht das schönste Büro Ostafrikas. Er empfängt in Sandalen und mit einem Glas Weißwein – es ist Feierabend –, die schwarzen Lackschuhe sind für offizielle Besuche unterm Schreibtisch geparkt.

Seit siebeneinhalb Jahren macht Töpfer den Job in Nairobi, und er gilt als einer der besten Direktoren, die das Umweltschutzprogramm mit seinen weltweit 600 Mitarbeitern je hatte. Er holte große Konferenzen nach Nairobi, er pflegte die Reisediplomatie und er verbringt einen Großteil seiner Zeit beim Pendeln zwischen UN-Filialen wie Genf, New York, Washington, Tokio, Peking oder in Berlin. Er hat das Image der einst als verschlafen geltenden Behörde wieder aufpoliert. Wer früher bei der Unep in Nairobi anrief und weiterverbunden werden wollte, der landete meist auf einer toten Leitung. Das hat sich gebessert, und nicht nur das. „Wir haben eine deutliche Erhöhung der freiwilligen Beiträge für die Unep erreicht“, sagt Töpfer, man habe aus der „marginalen Lage Nairobis“ etwas gemacht. Die Unep legt zwar millionenschwere Umweltprogramme auf, aber sie kann auf die Politik der Mitgliedsstaaten nur beratend einwirken. Dennoch sind unter Töpfer die freiwilligen Beiträge – rund 40 Prozent des 250-Millionen-Dollar-Gesamtetats – um die Hälfte gestiegen.

Ende Januar 2006 endet die Amtszeit von Klaus Töpfer in Nairobi, und es gilt als wahrscheinlich, dass „Kofi“, wie Töpfer den UN-Generalsekretär Annan vertraulich nennt, den Deutschen noch ein drittes Mal verpflichten möchte. Amtsmüde ist der 66-Jährige nicht, aber er überlegt, ob er der Unep noch „positive Impulse“ geben kann, oder ob er daran denken sollte, die Arbeit in andere Hände zu legen. Töpfer hat einen Wandel in der Einstellung der Entwicklungsländer zum Umweltschutz feststellen können, und das empfindet er als größten Erfolg seiner Laufbahn. Als er 1998 bei den UN anfing, hatte er Worte wie die des indonesischen Umweltministers im Ohr: „Klaus, lass uns erst einmal reich werden, danach räumen wir die Umwelt auf.“ Inzwischen scheint sich langsam in der Dritten Welt die Einsicht durchzusetzen, dass Umweltschutz nicht nur luxuriöser Erhalt der Vielfalt ist, sondern dass er sich rechnet, dass er der einzige Weg ist, die Ressource und den Kapitalfaktor Natur zu erhalten. „Wir müssen in die Umwelt investieren, um die Armut zu überwinden“, sagt Töpfer. Einer seiner schönsten Momente der jüngsten Zeit sei die Rede des chinesischen Vizepremiers Zeng Peijan im Februar beim Unep-Regierungsratstreffen in Nairobi gewesen, der mit einer Delegation von 60 Leuten, darunter vier Ministern, angereist war. Peijan habe da von Produzentenverantwortung und Kreislaufwirtschaft gesprochen, grüne Konzepte, die er, Töpfer, schon als Umweltminister unter Helmut Kohl angestoßen habe. Er sehe ein „Revival der Umweltpolitik“, meint Töpfer. Mit Genugtuung registriert er, dass auf Konferenzen asiatischer Umweltminister plötzlich von „grünen Bruttosozialproduktbereichen“ gefachsimpelt wird.

Zu diesem Aufwind für die Ökopolitik müsste es eigentlich passen, dass Deutschlands Umweltminister Jürgen Trittin kürzlich im Verein mit europäischen Kollegen eine Aufwertung der Unep von einem bloßen „Programm“ zu einer „Organisation“ verlangt hat, um die Bedingungen für die Arbeit an einer globalen Umweltpolitik zu verbessern. Wer Töpfer nach dieser Reform fragt und vielleicht gar Lob vom Christdemokraten für den Grünen Trittin erwartet, der erhält eine relativ kühle Antwort: Natürlich sei er optimistisch, dass seine Behörde im September beim UN-Gipfel zur Organisation aufgewertet werde. Aber diese Forderung Trittins sei schon von Helmut Kohl formuliert worden, und der jüngste Vorstoß sei von Jacques Chirac gekommen. Im Übrigen sei er ein „gutes CDU-Mitglied“ – und natürlich geht es jetzt um Berlin.

„Kein Kommentar“, das ist das offizielle Statement von Töpfer zu allen Anfragen über einen angeblichen Anruf von Angela Merkel, mit dem sie ihren ehemaligen Kabinettskollegen 2006 zur Kandidatur gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit verlockt haben soll. Er habe im Augenblick andere Sorgen, als sich mit solchen Themen zu beschäftigen, und er wolle sich nicht dazu äußern, was „andere von mir erwarten“, wiederholt Töpfer stereotyp. Beim Thema Berlin gewinnt er dennoch an Fahrt. Es freue ihn, dass seine Überzeugung, Berlin sei „eine großartige Stadt“, sich bewahrheitet habe. Als Bauminister der CDU hatte Töpfer den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin eingefädelt und begleitet, heute zählt er es zu seinen Verdiensten, dass die historische Architektur auch der dunklen Zeiten Berlins nicht dem Baggerzahn zum Opfer fiel. „Wir können so Spurensuche ermöglichen. Wir haben der Versuchung widerstanden, abzureißen, und haben wieder aufgebaut.“

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