Zeitung Heute : Eine Blume sein

Heike Jahberg

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Immer zu Weihnachten führen die Kinder in Lindas Kindergarten ein Märchen auf. Auch Linda spielt mit. Allerdings entdeckt man sie nur, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt. Denn große Rollen spielt unsere Kleine nie.

Im vergangenen Jahr bei „Frau Holle“ war Linda eine Blume. Hübsch anzusehen mit ihrem Kränzchen auf dem Kopf. Die Blume auf der Wiese ist keine wirklich tragende Rolle. Aber es hätte noch schlimmer kommen können. Lindas Kindergartenfreunde waren sprechende Brote oder Schneeflocken. Dann doch lieber eine Blume.

Im Showbusiness gibt es echte Grausamkeiten. Das Nachbarskind etwa ist jahrelang beim Krippenspiel in der Kirche aufgetreten. Ihr großer Bruder war Josef, und sie war ein Schaf. Jahr für Jahr. Das ist deprimierend, aber praktisch. Immerhin kann man immer dasselbe Kostüm anziehen. Für Tom haben wir bisher noch nicht einmal ein Kostüm gebraucht. Beim Schulfest debütierte er ebenfalls als Blume, im Jahr darauf galoppierte er als Zirkuspferd mit einem rosa Püschel auf dem Kopf durch die Turnhalle. Das war’s.

Deshalb ruhen all unsere elterlichen Hoffnungen auf Linda. In diesem Jahr spielen sie im Kindergarten den „Gestiefelten Kater“. Linda liebt Tiere, sie kann miauen, und sie hat ein Paar Stiefel. Außerdem ist sie jetzt schon vier. Wenn das nicht ideale Voraussetzungen für die Hauptrolle sind. Aber die Tage vergingen, und Linda fragte weder nach Federn für den Katerhut noch nach Stiefeln. Auch nicht nach Diademen, wie sie die Prinzessin trägt oder nach Beuteln mit Silbertalern, die den falschen Grafen schmücken.

Ihrem Freund Lasse wird jetzt schon eine Riesenkutsche aus Pappkartons gebaut, Linda braucht keine Requisiten. Sie muss auch nicht viel sagen. Wenn der Kutscher an ihr vorbeibraust, steht unsere Kleine auf dem Feld. „Wem gehört das Feld?“, wird sie gefragt. „Dem Herrn Grafen“, soll sie sagen, aber das tut sie nicht. Sie sagt: „Dem Fotografen.“ Sie sehen: Auch aus kleinen Rollen kann man etwas machen. Wer weiß, vielleicht ist doch noch nicht alles aus, und unsere Süße bekommt später sogar mal einen Oskar – für die beste Nebenrolle.

Den gestiefelten Kater gibt es am Mittwoch um 10.30 Uhr im FEZ in der Wuhlheide und am 25. 12. um 16 Uhr beim Puppentheater Firlefanz.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar