Zeitung Heute : Eine Branche wird erwachsen

Die Finanzwelt entdeckt Solartechnik als neuen Zukunftsmarkt

Fred Winter

Der Weltmarkt für Solarstromtechnik ist nach Angaben des europäischen Solarindustrieverbandes Epia im vergangenen Jahr um 40 Prozent gewachsen. Damit lag die Dynamik deutlich über der Entwicklung in Deutschland (23 Prozent). Kamen 2007 weltweit etwa 2,3 Gigawatt neu auf die Dächer, könnten es 2010 schon vis zu sieben Gigawatt sein.

In Südeuropa wird Solarstrom bereits 2015 das Preisniveau von herkömmlichen Verbraucherstrom aus einem fossil-nuklearen Mix erreichen. „Für ganz Europa erwarten wir die Preisparität in spätestens zehn bis 15 Jahren“, sagt Adel El Gammal, Generalsekretär von Epia in Brüssel. Danach sinkt Solarstrom weiter ab, während der Strom aus konventionellen Kraftwerken aufgrund der steigenden Brennstoffkosten immer teurer wird. El Gammal prophezeit: „Ab diesem Zeitpunkt gibt es kein Halten mehr, dann werden die Menschen auf breiter Front auf Sonnenstrom umsteigen.“

Die Autoren der Epia-Studie rechnen vor, dass auf der ganzen Welt mittlerweile neun Gigawatt Leistung aus Solargeneratoren erzeugt wird. Die daraus resultierende Energiemenge reicht aus, um drei Millionen europäische Haushalte mit Elektrizität zu versorgen. Auch für die kommenden drei Jahre sagt Epia ein jährliches Wachstum um 40 Prozent voraus. „Wir beobachten ein zunehmendes Interesse internationaler Investoren“, bestätigt Robert Seiter, Analyst bei der Unternehmensberatung Ernst & Young, die vor Jahresfrist einen eigenen Report zu den Aussichten der Solarenergie vorgestellt hatte.

Ernst & Young hatte konstatiert, dass sich die Finanzströme in die Solarstrombranche von 2006 bis 2007 verdreifachten. „In den jungen Solarstrommärkten Europas entwickeln sich Einspeisegesetze, die dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz ähnlich sind“, kommentiert Hubertus Stephan, Coautor der Studie von Ernst & Young. „Dadurch entstehen Absatzpotenziale, die die deutschen Solarunternehmen über Niederlassungen, Firmenübernahmen oder Joint Ventures in den ausländischen Märkten erschließen. Infolge dessen steigt die Exportquote der deutschen Unternehmen.“

Angesichts des massiven Ausbaus der Produktionsmengen müsse die Exportquote sogar zunehmen, denn die von deutschen Firmen produzierte Solartechnik werde den Inlandsabsatz bald deutlich übersteigen. „Die Branche wird erwachsen und wächst deutlich schneller aus den Kinderschuhen als vergleichbare Branchen“, meint Seiter. Ernst & Young ist auf Technlogiebranchen spezialisiert und gilt als exzellenter Kenner beispielsweise auch der Biotechnologie.

Mit dem Gutachten zur Solarwirtschaft sind die Berater nun auch in die erneuerbaren Energien vorgedrungen. Sie analysierten zudem, dass die großen Chiphersteller zunehmend ins Solargeschäft einsteigen, vor allem als Lieferanten von Silizium. Beispielsweise Intel hat bereits damit begonnen, sich mit Solarsilizium ein neues Standbein zu schaffen.

Das zweithäufigste Element der Erdkruste kommt faktisch überall vor, muss für Mikrochips und Solarpaneele aber in einem aufwändigen Prozess hergestellt werden. Künftig soll spezielles Solarsilizium, dass die hohe Reinheit des Materials für Mikrochips nicht benötigt, in großem Maßstab hergestellt werden. Da beide Boomsparten auf dem Weltmarkt um Silizium konkurrieren, gilt der anhaltend hohe Rohstoffpreis als Nadelöhr in der Kostensenkung. Mit metallurgischem Silizium lässt sich der Wettlauf um den Grundstoff entspannen, die Preise für Solartechnik dürften stärker sinken als bisher. Weil der Finanzierungsbedarf der Solarwirtschaft steigt, gründen die Banken spezielle Zentren für erneuerbare Energien. Pionier war die Commerzbank in Hamburg, die schon 2002 ein Center für regenerative Energien gründete. „Damals wurden wir von der Konkurrenz teilweise belächelt“, meint Joachim Treder, Experte bei der Commerzbank. „Mittlerweile haben die anderen Banken nachgezogen. Wir haben uns frühzeitig mit Windparks und Solarparks im Megawattbereich und Unternehmensfinanzierungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette beschäftigt.“

Er bescheinigt der Solarbranche einen regelrechten Investitionshunger. „Eine ursprünglich mittelständisch aufgestellte Industrie wird jetzt international wettbewerbsfähig“, sagt er. „Viele Firmen haben den Sprung ins Ausland geschafft oder stehen kurz davor. Aber nach wie vor ist Deutschland der wichtigste Markt. Der deutsche Markt ist immer noch von politischen Vorgaben abhängig, vor allem vom Einspeisegesetz. Entsprechendes gilt auch für ausländische Märkte.“ Fred Winter

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