Zeitung Heute : Eine bunte Mischung

Diversity Management heißt, unterschiedliche Begabungen von Menschen im Unternehmen effizient einzusetzen. Das Lehrangebot dazu ist noch recht klein

Silke Zorn

„Es wäre nicht gut, wenn wir alle gleich wären – nur weil es verschiedene

Meinungen gibt, gibt es schließlich

auch Pferderennen.“

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Rund hundert Jahre ist es her, dass der amerikanische Schriftsteller Mark Twain diese Einsicht hatte. In der Arbeits- und Wirtschaftswelt des 21.Jahrhunderts setzt sich allerdings erst in jüngster Zeit die Erkenntnis durch, dass menschliche Vielfalt kein Störfaktor ist, sondern im Gegenteil bereichernd sein kann. „Diversity Management“ heißt das Wort, das Experten dafür erfunden haben. Wer sich mit der Materie vertraut machen will, ist derzeit zwar noch auf viel Eigeninitiative angewiesen. Doch es gibt bereits erste Weiterbildungsangebote, die fit machen sollen für den richtigen Umgang mit gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt.

Firmen wie Bosch, Telekom, Lufthansa und die Bahn beschäftigen ganze Abteilungen mit der Pflege der großen und kleinen Unterschiede. Die Beratungsgesellschaft McKinsey erhob erst kürzlich die Frauenförderung zu einer Angelegenheit mit höchster Priorität. Volker Ostler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Diversity Management, weiß, was sich hinter all dem verbirgt. „Diversity meint menschliche Vielfalt, und zwar in jeder Hinsicht. Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion, sexuelle Orientierung – all das sind Merkmale, die Menschen auszeichnen und voneinander unterscheiden.“ Diversity Management bedeute, diese Unterschiede wahrzunehmen, anzuerkennen – und für das Unternehmen zu nutzen.

„Teamwork zum Beispiel ist in einer bunt gemischten Gruppe unglaublich effektiv“, sagt Ostler. „Außerdem: Wer im Büro nicht mit Diskriminierung zu kämpfen hat, leistet bessere Arbeit, ist zufriedener und deshalb produktiver.“

Weiterer Vorteil: Spiegelt sich menschliche Vielfalt in der Belegschaft wieder, fühlen sich oft auch breitere Kundenkreise von den Produkten und Dienstleistungen eines Unternehmens angesprochen. Ein Beispiel hierfür sind etwa schwul-lesbische Unternehmensberatungen, die mit diesem Prädikat gezielt eine bestimmte Klientel erschließen. In Sachen Frauenförderung hat die Debatte schließlich noch einen ganz anderen Hintergrund: Ohne eine stärkere Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, so sagen Experten, ist in naher Zukunft ein Fach- und Führungskräftemangel programmiert. Förderkonzepte müssen her.

„Sie werden als Frau immer nur dann etwas, wenn Männer eine Sache in den Sand gesetzt haben“, soll die schleswig- holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis sich einst beschwert haben. Bei der Deutschen Bank will man es so weit gar nicht erst kommen lassen. Das Institut beschäftigt sich seit längerem mit Diversity Management – unter anderem mit der Förderung von Frauen. Weltweite Netzwerke ermöglichen intensive Kontakte zwischen den Mitarbeiterinnen, etwa die Vereinigung Women in European Business (WEB), die den Erfahrungsaustausch von Frauen in der europäischen Wirtschaft fördern soll. „Außerdem gibt es Mentoring-Programme speziell für Frauen“, sagt Patrik Fischer von der Deutschen Bank. Viel versprechende junge Mitarbeiterinnen werden kontinuierlich durch erfahrene Führungskräfte betreut und können gemeinsam mit ihren Mentoren an der Verwirklichung persönlicher und beruflicher Ziele arbeiten.

Unternehmen, die nicht auf derart eingespielte Strukturen zurückgreifen können, müssen derzeit noch eine Menge Eigeninitiative an den Tag legen. „Bisher gibt es leider kaum Fortbildungen oder Kurse, die umfassend in das Diversity Management einführen“, bedauert Ostler von der Deutschen Gesellschaft für Diversity Management . Vor allem regelmäßige Konferenzen sorgen im Augenblick für einen Erfahrungsaustausch, meist organisiert von Universitäten. Foren und Fachgespräche zum Thema bietet aber zum Beispiel auch der Völklinger Kreis an, der Bundesverband schwuler Führungskräfte. Auf den Internetseiten der Deutschen Gesellschaft für Diversity Management kann man sich über aktuelle Termine informieren (siehe Kasten).

Eine Weiterbildung zum Gender-/ Changemanager hat die Beratungsfirma ISA Consult im Programm. Im Mittelpunkt der vom Bundesfamilienministerium, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der EU geförderten Maßnahme steht die Gleichstellung von Mann und Frau. Der Kurs richtet sich an Verantwortliche aus Unternehmen und Verwaltung, die Veränderungsprozesse anstoßen und die Gleichberechtigung der Geschlechter im Job vorantreiben wollen. „Dabei möchten wir nicht nur theoretisches Wissen vermitteln, sondern auch gleich den Transfer in den Alltag ermöglichen“, sagt Mechthild Kopel, Leiterin des Geschäftsbereichs Gender-Beratung und -Training. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis, eine gründliche Analyse der konkreten Situation in den beteiligten Unternehmen und der Erfahrungsaustausch in Arbeitsgruppen sollen dazu beitragen. Die nächste Weiterbildung beginnt am 23.Februar und erstreckt sich über 14Kurstage bis zum Jahresende. Kosten: 3450 Euro.

Auch das internationale Projekt „Gold Standard – Managing Diversity in Europe“ ist bemüht, Fortbildungskurse für Führungskräfte ins Leben zu rufen. Auf deutscher Seite ist das Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung (BIVS) daran beteiligt. Geplant sind Kurse in Bildungseinrichtungen und Unternehmen sowie als Teil universitärer Studiengänge. „Wir hoffen, ab Herbst 2005 erste Fortbildungen durchführen zu können“, sagt Nathalie Schlenzka vom BIVS.

An der FU Berlin kann man im Aufbaustudiengang Gender-Kompetenz bereits jetzt Know-how in Sachen Geschlechtergerechtigkeit erwerben. Drei Semester dauert die Zusatzqualifikation, Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Erststudium beliebiger Fachrichtung. Wie sensibilisiere ich Mitarbeiter für Fragen der Gleichstellung? Wie kann ich überprüfen, ob meine Konzepte den gewünschten Erfolg haben? Der Studiengang soll auf unterschiedliche Praxisfelder – in Betrieben, Verbänden, der öffentlichen Verwaltung oder Unternehmensberatung vorbereiten. Für das Wintersemester kann man sich bis zum 30.Juni bewerben (Studiengebühren: 550 Euro pro Semester).

Eine weitere Dimension erhält die Diversity-Debatte durch das geplante Antidiskriminierungsgesetz. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Menschen, die im Wirtschaftsleben wegen ihres Geschlechts, Alters, ihrer ethnischen Herkunft, sexuellen Orientierung, Religion oder Behinderung Nachteile erleiden, vor Gericht Schadenersatz oder Schmerzensgeld einklagen können. Kein Grund zur Beunruhigung für Firmen, die gewissenhaftes Diversity Management betreiben, meint Ostler von der Diversity-Gesellschaft. „Für alle anderen“, so hofft er, „ist das vielleicht der entscheidende Anstoß, die Sache endlich anzupacken.“

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