Zeitung Heute : Eine Dokumentation mit viel Rollrasen und historischer Bürde (Fernsehkritik)

Eckart Kroneberg

Das ist natürlich eine interessante Adresse in Berlin; wer möchte sie nicht gern sein eigen nennen? Der Bundeskanzler, eben angereist, behauptete jedenfalls, er finde seinen provisorischen (in Variante: "vorläufigen") Amtssitz "gar nicht so schlecht". Weiß er, welche historische Bürde er zu tragen hat? Stadtschloss Berlin, durch alliierte Bomben demoliert, von Walter Ulbricht endgültig gesprengt: Preußens Gloria, weg damit; dann einmontiert in die DDR-Baulichkeit das konservierte Schlossportal mit jenem Balkon, von dem herab Karl Liebknecht eine Freie Sozialistische Republik verkündet hatte (da war er wieder, beinahe mystisch, ein 9. November), und dann eben das fertige Staatsratsgebäude, eine Bühne für höfische Politinszenierungen der damaligen DDR, die Renaissance des angeblich gehassten preußischen Tschingderassabum.

Viel DDR-Kunst noch im Bau, insbesondere jene Glasfenster mit buntem, sozialistische Realismus, die mögen den neuen provisorischen Hausherren an die von Genossen angemahnten Grundwerte seiner Partei erinnern. Der für ihn ausgelegte Rollrasen vor dem denkmalgeschützten Bauwerk mag ihm den Blick auf den von ihm ungeliebten Palast der Republik verniedlichen. Die historische Bürde wird ihm dadurch nicht abgenommen. Margarethe Steinhausen, die Reporterin des SFB, hatte sich um Genauigkeit bemüht. Die sei ihr attestiert. Aber, was daran fehlte, war Pfeffer.

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