Zeitung Heute : „Eine Dreiviertelstunde länger ist kein Drama“

Arbeitsmarkt-Experte Buscher über Mehrarbeit für die Westdeutschen, Gewerkschaften und den demografischen Wandel

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HERBERT BUSCHER (52)

ist Arbeitsmarktexperte am Zentrum für Wirtschaftsforschung in Halle.

Foto: IWH

Herr Buscher, Angela Merkel fordert, die WestArbeitszeit der Ost-Arbeitszeit anzupassen. Sachsens Arbeitsminister Martin Gillo befürwortet ebenfalls eine Verlängerung der Arbeitszeiten im Westen auf 38 Stunden. Was denken Sie darüber?

Eine Erhöhung der Arbeitszeit wäre grundsätzlich okay. Gillos Begründung dagegen ist quer. Er hatte nämlich gefordert, die Arbeitszeit anzupassen und zwar aus Solidarität. Damit zieht man aber keinen Hering vom Teller. Vielmehr muss man ökonomische Gründe bringen.

Zum Beispiel?

Ganz einfach: Arbeit ist zu teuer.

Denken Sie, dass die Erhöhung der Arbeitszeit in Westdeutschland von 35 auf 38 Stunden Arbeit billiger machen kann?

Soll die Arbeitszeit von 35 auf 38 Stunden erhöht werden, dann trifft das nur das produzierende Gewerbe beziehungsweise die Metallindustrie. Das tangiert nicht die gesamte Wirtschaft. Und man müsste sehen, ob diese drei Stunden zusätzlich bezahlt oder eben nicht bezahlt sein sollen. Wenn es darum geht, die Arbeit billiger zu machen, um konkurrenzfähig zu bleiben, dann müssten sie sinnigerweise unbezahlt bleiben. Und dann wird man verständlicherweise Ärger mit den Arbeitern und der Gewerkschaft bekommen. Insgesamt aber würde es helfen, Arbeit zu verbilligen.

Martin Gillo will die Feiertage beibehalten.

Wenn Sie Glück haben, werden mit der Streichung des Feiertags acht Stunden Arbeit gewonnen. Wenn sie allerdings die drei Stunden mal rund 46 Arbeitswochen nehmen, dann sind das rund 140 Stunden. Ein dicker Unterschied, insofern hat Gillo Recht. Jedoch sind beide Vorschläge überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Es gab den Vorschlag, einen Feiertag abzuschaffen zugunsten der Pflegeversicherung. Wenn es um solche Beträge geht, kann man sich darüber einigen.

Kommt Merkels Vorschlag zur rechten Zeit ?

Angela Merkels Forderung kommt zu einer Unzeit. Seit sechs Quartalen bauen wir Beschäftigung auf, die Arbeitslosenzahlen gehen aber nicht runter. Die Gewerkschaften argumentieren ja immer, Arbeitszeitverkürzung würde Arbeitsplätze schaffen. Wir wissen aber, dass das nicht der Fall ist. Eine Dreiviertelstunde pro Tag länger arbeiten – das halte ich persönlich für kein Drama. Das Dumme ist nur: Aktuell ist diese, womöglich unbezahlte, Mehrarbeit leider absolut nicht vermittelbar.

Und wann ist der Westen reif für die Mehrarbeit?

Wenn die Wirtschaft gut läuft. 2015 etwa bekommen wir den demografischen Wandel zu spüren. Dann kommen wir gar nicht daran vorbei, so eine Finanzierung auf die Reihe zu kriegen.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom.

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