Zeitung Heute : „Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe“

Renate Künast hat Anfang der achtziger Jahre an der Freien Universität Berlin Rechtswissenschaft studiert

Christine Boldt

Renate Künast ist zu Besuch an ihrer ehemaligen Universität. Unauffällig hat sie sich unter die Studenten gemischt und stöbert wie diese in den Bücherkisten, die vor der Großen Mensa der Freien Universität aufgebaut sind. Effizient, pragmatisch, kämpferisch – das sind die Eigenschaften, die einem nach kurzer Begrüßung und kräftigem Händedruck mit der ehemaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft und heutigen Vorsitzenden der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in den Sinn kommen.

Und sie ist schnell: Renate Künast spricht schnell, und sie denkt schnell. Sich selbst beschreibt sie im Rückblick als „Schnellstudiererin“: „Als ich mit Jura an der Freien Universität anfing, hatte ich schon ein Studium an der Fachhochschule hinter mir. Ich wusste, ich muss mich anstrengen, ich muss das in den Bafög-Zeiten schaffen, denn von zu Hause gibt’s kein Geld.“ Rund 930 D-Mark hatte Studentin Künast monatlich zu ihrer Verfügung: 600 D-Mark Bafög, etwa 330 D-Mark hat sie sich durch Sozialarbeit in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel dazu verdient.

Das war 1979. Drei Jahre zuvor hatte sie ihr Fachhochschulstudium der Sozialarbeit in Düsseldorf abgeschlossen. Danach, von 1977 bis 1979, war Renate Künast als Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel tätig. Gerade 21 Jahre alt, versuchte sie, das im Fachhochschulstudium Gelernte anzuwenden und den Inhaftierten – häufig Drogenabhängigen – im Rahmen der Möglichkeiten zu helfen. Oft gegen den Widerstand des Vollzugsdienstes, der die Insassen als reine Kriminelle einstufte und nicht als Abhängige. Für Renate Künast war das eine Schlüsselerfahrung: „Da habe ich mich gefragt: Will ich jetzt nur das Individuum therapieren? Nein, ich wollte mehr, ich wollte sowohl Dinge im Strafvollzug verändern als auch in der Psychiatrie – und eben auch ganz grundsätzlich.“

Die Entscheidung, auf die Sozialarbeit ein Jurastudium zu satteln, war für Renate Künast – abgesehen von ihrem gesellschaftspolitischen Anliegen – auch ein persönlicher Befreiungsschritt. Für die Tochter eines Kfz-Mechanikers aus bildungsfernem Milieu, der für seine Tochter nur einen Plan hatte („Hauptschule, heiraten, fertig“), haftete der Medizin und den Rechtswissenschaften lange etwas Elitäres an. Nachdem Künast Jurastudenten kennengelernt hatte, war ihr klar: „Das kann ich!“ Ihre politische Überzeugung, dass Gesetze in Paragrafen gegossene Macht seien, und dass nur, wer diese Strukturen versteht und das Handwerk der Juristerei beherrscht, gesellschaftspolitisch etwas verändern könne, gaben für Renate Künast den endgültigen Ausschlag, Jura zu studieren: „Das ist eine der Entscheidungen in meinem Leben, die ich nie bereut habe!“

Acht Stunden tägliches Lernen in der Bibliothek waren ihr nicht zu viel: „Das war immer noch weniger stressig als Knastarbeit.“ Gelernt hat Renate Künast in einer Zweierarbeitsgruppe „mit sehr diszipliniertem Terminkalender“. Zu wissen, wofür man etwas lernt – das war der Pragmatikerin schon damals wichtig. Überzeugt war sie deshalb von den Veranstaltungen der Professoren, die nahe am wirklichen Leben lehrten: „Polizeirecht zum Beispiel, bei Heinz Wagner, der brachte Fälle quasi aus der Zeitung. So konnte man auch die Denkstruktur hinter dem konkreten Fall viel besser verstehen.“ Auch an Gegenbeispiele erinnert sich Künast: „Im Zivilrecht sollte uns das Handelsgesetzbuch näher gebracht werden. Aber uns wurde nicht erklärt, warum das Recht der Kaufleute andere Regeln hat als das private Zivilrecht.“ Von Kaufleuten erwarte man, dass sie in rechtlichen Dingen eher Fachleute seien, während Privatpersonen als rechtliche Laien angesehen würden und deshalb durch das Gesetz mehr geschützt werden müssten. „Das zu wissen, hätte mir viel gebracht.“

Die Stimmung unter den Juristen an den deutschen Universitäten zu Beginn der achtziger Jahre war geteilt: Als „männerdominiert und konservativ“ beschreibt Renate Künast das Juristenumfeld jener Zeit, in das sie stieß und in dem sie sich als Frau und als Studentin im Zweitstudium doppelt fremd fühlte: „Unter Gleichstellungsaspekten war das zum Teil unglaublich, was etwa in juristischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Auch die Fallbeispiele gerade im Strafrecht waren sehr traditionell, oft tauchte „die rote Lola“ auf, eine weibliche Person, die eindeutig dem Prostituierten-Milieu zugerechnet werden musste.“

Auf der anderen Seite stand „die Linke“, ihrerseits in verschiedene Untergruppen zersplittert, die „mental dabei waren, die Gesellschaft umzubauen“, sagt Künast. Sie erinnert sich an die Aufbruchsstimmung, die auf dem Dahlemer Campus herrschte: „Die Freie Universität hatte damals einen Ruf als Uni in Bewegung, es wurde diskutiert, philosophiert und gemacht. Losgehen und die Welt verändern, so war die Stimmung. Und dieses Kleinod hier war verbunden mit der Innenstadt und der Frage: Was tut sich in der Innenstadt, sinnbildlich für ‚Gesellschaft‘.“ Renate Künast selbst war hochschulpolitisch nicht engagiert, sie zählte sich zu den „Undogmatischen“ unter den Linken. 1979 trat sie der Berliner Alternativen Liste bei, die sich später der Bundesorganisation der Grünen anschloss.

Nach acht Semestern legte Künast das Erste Staatsexamen an der Freien Universität Berlin ab, drei Jahre später, im Jahr 1985, das Zweite. Dass sie eine Kämpferin ist, bezeugt ihr Lebenslauf: Schon die Fachoberschule setzte sie nach der Realschule gegen den Willen des Vaters durch, dann das Sozialarbeitsstudium an der Fachhochschule in Düsseldorf. Und als Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft behauptete sie sich gegen die Lobby der Bauernfunktionäre – Renate Künast hat sich so ziemlich alles in ihrem Leben erkämpft.

Heute ist die Freie Universität eine andere als zu Beginn der achtziger Jahre. Sie hat sich von der Massenuniversität jener Zeit zu einer der neun im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder ausgezeichneten Hochschulen gewandelt. Auch Renate Künast sieht heute manches anders als damals: „Ich würde, wenn ich nochmal anfangen könnte, viel früher mehr Sprachen lernen.“

Wenn Jura-Studenten sie dieser Tage um einen Rat bäten, würde sie ihnen gerne antworten: „Klärt erst einmal eure eigene Grundhaltung zur Rechtswissenschaft! Hier werden keine Naturgesetze verkündet, sondern es handelt sich um die Regeln und Strukturen, die sich dieses Land als Gerüst gegeben hat.“ Und weiter: „Mein Rat ist, diese Strukturen kennenzulernen und darüber hinaus einen breiten Blick zu haben, der weit über Deutschland hinausgeht.“ Deutschland in Europa – das Europäische Recht von Anfang an als nationales Recht zu begreifen, das ist der Bundespolitikerin ein wichtiges Anliegen.

Und dann würde sie den Studenten noch mit auf den Weg geben, sich neben dem Juristischen ein zweites Standbein aufzubauen. „Einen betriebswirtschaftlichen Schwerpunkt oder Kenntnisse in Umwelttechnologie und Klimapolitik – das sind die Themen, die weltweit in den nächsten Jahrzehnten anstehen.“

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