Zeitung Heute : Eine entsetzliche Vorstellung

Erst hat das Publikum es für einen Teil der Musical-Inszenierung gehalten. Dann schossen die Rebellen um sich, und alle wussten: Es wird ernst. Ein Nervenkrieg begann, eine Frau ist tot. Und in Berlin warnt ein Moskauer Chefredakteur vor der Glorifizierung der Geiselnehmer.

Stephan Hille[Moskau] Amory Burchard[Berlin]

Von Stephan Hille, Moskau,

und Amory Burchard, Berlin

Sie ist nicht hingegangen, obwohl sie es vorhatte. Sie ist zu Hause geblieben. Ihre Freunde sind drin. Im Kulturpalast der Moskauer Kugellagerfabrik, wo seit einem Jahr Abend für Abend das Musical „Nord-Ost“ gegeben wird.

Die Studentin Anastasija Parzewa steht hinter der Absperrung im Nieselregen, irgendwie deplatziert und entrückt in der Menge der Journalisten und Schaulustigen, die sich in der 1. Dubrowskaja-Straße vor dem Kordon aus Eliteeinheiten der Armee und Miliz gestaut haben. Sie sagt: „Ich musste für meine Prüfungen zu lernen.“ So bleibt ihr erspart, was ihre beiden Freunde und etwa 700 andere Theaterbesucher erleben. Schützenpanzer haben alle Straßen abgesperrt. Durchfahrt haben nur die Ambulanzen und die Regierungslimousinen mit Blaulicht und getönten Scheiben. Die ersten Betrunkenen mit Bierflaschen in der Hand sind auch da. Milizionäre rauchen, schwatzen. Gelegentlich sieht man sie lachen.

Begonnen hatte das Geiseldrama am Mittwochabend gegen 21 Uhr. Kurz nach Beginn des zweiten Aktes der Geschichte um Sascha und Katja, den Flieger und die Tochter des verschollenen Polarmeer-Kapitäns, stürmen 50 maskierte Männer und Frauen in Tarnanzügen in den Zuschauerraum. Die Frauen, so heißt es auf der Web-Seite der Rebellen, seien Witwen von gefallenen „Bojewiki“, von tschetschenischen Kämpfern.

„Das hier ist kein Spaß. Versteht ihr nicht, was vor sich geht?“, brüllen die Männer in den Kampfanzügen. Als Erste ahnen die Schauspieler vorn auf der Bühne, dass etwas Schreckliches vor sich geht. Die Zuschauer dagegen sind verwirrt und halten den Überfall für einen Teil der Inszenierung. Schüsse krachen in die Decke. Jetzt erst wissen sie, dass es ernst ist.

Sie wollten wie bisher 300000 Menschen ein Stück sehen, über das dessen Autoren Alexej Iwaschtschenko und Georgij Wassiljew sagen: „Es enthält Liebe und Hass, Heroismus und Verrat, Zärtlichkeit und Energie, Romantik und den Glauben an Gerechtigkeit.“

Ein Mitarbeiter der russischen Nachrichtenagentur Interfax ist unter den Musicalgästen und ruft sofort seine Redaktion an. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Nur wenige Minuten später stellen alle Fernsehanstalten ihre Programme um. Sondersendungen laufen beinah rund um die Uhr auf allen Kanälen.

Die Chance zu entkommen haben nur noch Bühnenarbeiter und Schauspieler, die hinter den Kulissen auf ihren Einsatz warten. Eine Frau, die in der Kostümkammer arbeitet, erzählt, sie habe einen Knall gehört. „Ich dachte, einer der Bühnenscheinwerfer sei explodiert. Doch dann sah ich, wie maskierte Männer in die Luft schossen.“ Zusammen mit ein paar Kolleginnen rennt sie in den dritten Stock. Über ein Fenster gelingt die Flucht.

Die übrigen Schauspieler werden in die ersten Sitzreihen gezwungen. Kämpfer beginnen damit, den Zuschauersaal und das Foyer zu verminen. Geiseln, die ihre Angehörigen oder die Sicherheitskräfte anrufen können, berichten, dass die maskierten Männer und Frauen mit Kalaschnikows, Granaten, Minen und Benzinkanistern bewaffnet sind. Am Körper tragen sie Sprengstoffgürtel, die sie im Fall einer Erstürmung der Sicherheitskräfte zünden wollen.

Nation vor dem Fernseher

„Bitte nicht stürmen, hier ist viel Sprengstoff“, fleht eine Anruferin aus dem Zuschauerraum. „Unter den Geiseln befinden sich viele Frauen, Kinder und Ausländer.“ Die verzweifelte Frauenstimme ist später auf allen Fernsehkanälen zu hören.

Knapp drei Stunden nach der Besetzung des Musicaltheaters, kurz nach Mitternacht, wird die Forderung der Rebellen auf ihrer Web-Seite veröffentlicht: ein Ende des Krieges in Tschetschenien und der Abzug der russischen Truppen. Beigefügt ist noch die Warnung, dass die Geiselnehmer nichts zu verlieren haben: „Sie sind nicht nach Moskau gekommen, um zu überleben, sondern um zu sterben.“ Und falls das Gebäude gestürmt werde, drohen sie, für jeden toten oder verwundeten Kameraden zehn Geiseln zu erschießen. Das Kommando führt ein bekannter tschetschenischer Kriegsfürst, Mowsar Barajew, ein Neffe des im vergangenen Jahr getöteten Rebellenführers Arbi Barajew. Auch Mowsar Barajew war von den russischen Militärs schon mehrmals für tot erklärt worden, zuletzt vor elf Tagen nach einer Reihe von russischen Bombenangriffen in Tschetschenien. Am Morgen wird der offensichtlich quicklebendige Anführer konkret: Der Kreml habe eine Woche Zeit, die russischen Soldaten abzuziehen, ansonsten werde das Gebäude in die Luft gesprengt.

Bereits eine Stunde nach Bekanntwerden der Geiselnahme beginnen die Sicherheitskräfte mit der Operation „Gewittersturm“. Sondertrupps der Miliz, darunter auch die „Alpha-Einheit“, die schon oft Geiseln befreit hat, werden um das Haus zusammengezogen. Lange Lkw-Kolonnen mit Truppen rasen zum Tatort. Und zum ersten Mal seit langer Zeit rollen auch Panzerwagen durch Moskaus Straßen. Sie sollen einen Ausbruch der Geiselnehmer verhindern.

Noch in der Nacht, gegen ein Uhr morgens, lassen die tschetschenischen Kämpfer rund 150 Geiseln frei, darunter überwiegend Kinder, Frauen und Muslime. Dann wird es still. Offenbar haben die Kamikaze-Kämpfer die Handys ihrer Geiseln eingesammelt. Ein erster Vermittlungsversuch des einzigen tschetschenischen Parlamentsabgeordneten Aslanbek Aslachanow, eines verdienten Generals der Miliz und Kritikers der russischen Tschetschenien-Politik, scheitert.

Die Nation rückt vor den Fernsehern mit dessen ununterbrochenen Sondersendungen zusammen. Am Morgen erfährt sie dann, dass sich sehr viel mehr Ausländer unter den Geiseln befinden, als anfangs bekannt wurde. Insgesamt sollen es 65 Menschen aus 18 Ländern sein, auch drei deutsche. Die Nachrichtenagentur Interfax spricht sogar von sieben. Die Entführer kündigen zunächst die Freilassung aller Nichtrussen an und fordern ein Treffen mit den diplomatischen Vertretern. Die Botschafter werden für neun Uhr morgens einbestellt.

Im Nervenkrieg ziehen die Tschetschenen ihre Ankündigung zurück und bieten einen neuen Deal an: Für jeden Abgeordneten des russischen Parlaments, der sich freiwillig in die Gewalt der „Bojewiki“ begibt, bieten sie die Freilassung von zehn Geiseln an. Schon am Abend hatten sich einige prominente Exil-Tschetschenen in Moskau zum Austausch gegen Geiseln angeboten, ohne Erfolg.

Zwar werden liberale Duma-Abgeordnete, die sich in der vergangenen Zeit immer wieder für Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen unter ihrem gewählten Präsidenten Aslan Maschadow ausgesprochen haben, zu Gesprächen von den Terroristen empfangen. Doch sie kehren ohne Ergebnis zurück. Die Verhandlungen seien sehr schwierig, heißt es aus dem Krisenstab, da die Kämpfer immer wieder neue Bedingungen stellen.

Am frühen Donnerstagnachmittag dürfen noch ein Brite, eine schwangere Frau und drei Kinder das Theaterhaus verlassen. Zwei von den Geiselnehmern einbestellte Ärzte schleifen eine Tote ins Freie, wenig später gelingt zwei Frauen die Flucht aus einem Fenster. Die Rebellen feuern ihnen mit Panzerfäusten hinterher.

„Das sind keine Märtyrer“

Durch den Überfall der tschetschenischen Terrortruppe zeigt sich der russischen Öffentlichkeit erstmals seit zwei Jahren ein neues und schmerzhaftes Bild des seit Jahren ungelösten Konfliktes in der Kaukasusrepublik. Hatten sich die Fernsehnachrichten in der letzten Zeit darauf beschränkt, immer wieder die Erfolge der russischen Militärs in der „Anti-Terror-Operation“ mit Bildern von ausgehobenen Waffenlagern zu beweisen, erleben die Russen vor ihren Fernsehern nun eine nationale Tragödie: Unschuldige Theaterzuschauer werden zu Opfern einer zu allem entschlossenen Kamikazetruppe.

Das Kalkül ist klar. Schon einmal gelang es den Rebellen im ersten Tschetschenien-Krieg eine Wende einzuleiten, als 1995 mehrere Dutzend Freischärler ein Krankenhaus in der südrussischen Stadt Budjonnowsk und 1500 Zivilisten in ihre Gewalt brachten. Bei den erfolglosen Versuchen, das besetzte Gebäude zu stürmen, verloren etwa 150 Menschen ihr Leben. Im Sommer darauf überfiel ein tschetschenisches Rollkomando ein Krankenhaus in Kisljar in Dagestan und nahm 2000 Geiseln. Wieder verloren rund 100 Zivilisten ihr Leben, wenige Monate später endete der erste tschetschenische Krieg nach Verhandlungen.

Im laufenden Krieg hat Präsident Wladimir Putin jegliche Friedensgespräche kategorisch ausgeschlossen. Doch seit vorgestern Nacht hat der Konflikt eine neue Dimension.

Zur gleichen Zeit spielen sich auch 2000 Kilometer weiter westlich Szenen höchster Aufregung ab. Pawel Gusew ist Chefredakteur des „Moskowski Komsomolez“, der einflussreichsten Zeitung der russischen Hauptstadt. 60 von seinen Journalisten rennen in Moskau hinter jedem Detail der Geiselnahme her, und ausgerechnet er, der Chef, sitzt in Berlin beim vierten Weltkongress der russischen Medien fest. Immerhin, Gusew kann am Donnerstag die wohl wichtigste Rolle unter seinen rund 200 Kollegen aus aller Welt spielen – die des russischen Regierungssprechers im Ausland. Er leitet im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße eine eilig einberufene Pressekonferenz zur Geiselnahme. An die Adresse der westlichen Kollegen gerichtet, sagt Gusew: „Wir müssen uns jetzt darüber im Klaren sein, wo wir als Journalisten zu stehen haben – auf der Seite der Geiseln.“ Er sagt, seine Kollegen sollen aus den „tschetschenischen Verbrechern“ keine Helden und Märtyrer machen. „Die wahren Märtyrer sind die seit 20 Stunden festgehaltenen Geiseln.“

Der Chefredakteur, der im falschen Moment am falschen Ort ist, hält engen Kontakt zu seiner Redaktion in Moskau. Bevor Pawel Gusew zum Rednerpult geht, nimmt er sein Handy vom Ohr, übergibt es einem Kollegen – und gibt die neueste Nachricht aus Moskau in den Saal: Soeben sei ein Musical-Star in Begleitung eines amerikanischen Journalisten aus dem Theater gelassen worden. Die Botschaft, die ihm die Terroristen mitgegeben hätten: „Entweder Putin sagt umgehend den Abzug der russischen Truppen zu, oder alle werden umgebracht.“ Der Saal hält den Atem an.

Immer wieder klingelt das Handy. Der Kollege, der es hütet, gibt die Nachrichten flüsternd an Chefredakteur Gusew weiter. „Ärzte ohne Grenzen aus Paris nach Moskau abgeflogen.“ – „Westeuropäer sollen eventuell rausgelassen werden.“ – „Genaue Zahl der Geiseln weiterhin unbekannt.“ Pawel Gusew verkündet die Blitzmeldungen aus Moskau mit ruhiger Stimme. Dann aber soll er die Formulierung des amerikanischen Nachrichtensenders CNN kommentieren, die Geiselnehmer seien „tschetschenische Dissidenten“. Gusews Stimme bebt, als er ausruft: „Dann nenne ich auch die Attentäter von New York Dissidenten!“ In den Applaus der Delegierten sagt er: „Dissidenten verteidigen die Freiheit ihres Landes nicht mit dem Maschinengewehr, sondern mit Worten.“

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