Zeitung Heute : „Eine extreme Angstsituation“

Die Psychologin Thierbach über Kriegsgefangenschaft und ihre Folgen

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REGINA THIERBACH

arbeitet am Lehrstuhl

für Klinische Psychologie der Ludwig Maximilians Universität in München.

Foto: R/D

Frau Thierbach, was empfinden Kriegsgefangene?

Das ist pauschal nicht zu sagen. Es werden aber sicherlich Bedrohungen, Verunsicherungen und Ängste empfunden, die für manche Soldaten extreme Stresssituationen darstellen. Aber Stress wird subjektiv empfunden. Jeder erlebt das auf eine andere Art und Weise. Deshalb ist auch der Umgang damit individuell verschieden.

Wie können Soldaten damit umgehen?

Eine Minderung der Belastung kann entstehen, weil die Soldaten sich im Vorfeld schon damit auseinander setzen müssen, dass sie in Gefangenschaft geraten können. Bei anderen traumatischen Ereignissen ist das in der Regel nicht der Fall, weil sie aus heiterem Himmel auf einen einstürzen.

Todesangst, Bedrohung durch Folter oder Misshandlungen: In Kriegsgefangenschaft muss das doch die Hölle auf Erden sein.

Eine entscheidene Frage ist, ob die Kriegsgefangenen untereinander Kontakt haben und sich austauschen können. Zum anderen spielt die Erwartungshaltung des Betroffenen eine große Rolle. Gehe ich davon aus, dass ich mit dem Tode bedroht werde oder glaube ich, dass die Normen der Kriegsführung, die eigentlich verhindern sollen, dass ich gequält oder getötet werde, eingehalten werden. Eine positive Perspektive aufzubauen, kann helfen, ruhiger zu werden.

Ist das nicht eine zu positive Sicht der Dinge?

Natürlich stellt Kriegsgefangenschaft eine extreme Angstsituation dar. Eine mögliche Bewältigungsstrategie ist es, sich sozusagen geistig wegzubeamen, an Orte, wo es einem gut ging, um so eine Art Autohypnose aufzubauen und sich so zu helfen.

Gibt es Beispiele dafür?

Das Buch des Entführungsopfers Jan Philipp Reemtsma zeigt sehr anschaulich, dass das Zurückgewinnen einer minimalen Kontrolle über die Situation Erleichterung bringt. Reemtsma gelang das über den Blickkontakt zum Täter. So konnte er abschätzen, in welcher Stimmung der Täter ist, welche Pläne er hat, ob er gelassen oder aufgeregt ist. Alles natürlich nur auf Minimalmaß.

Ist es möglich, sich auf solche Stresssituationen vorzubereiten?

Das ist der ganze Bereich der Stressimpfung. Im Vorfeld müssen sich Soldaten mental mit Kriegsgefangenschaft auseinander setzen und das gedanklich und gefühlsmäßig durchspielen. Die Situation an sich ist nicht zu ändern, man kann aber den Umgang mit ihr lernen.

Welche bleibenden Schäden sind bei Opfern von Kriegsgefangenschaft festzustellen?

Die sehen aus wie andere posttraumatische Belastungsstörungen auch. Manche müssen immer wieder an das Erlebte denken – in Form von Bildern, Gedanken oder Träumen. Betroffene versuchen bestimmte Situationen und innere Gefühlslagen zu vermeiden oder sich zwanghaft abzulenken. Andere neigen zu körperlicher Übererregung, zu Schreckhaftigkeit, Unkonzentriertheit und Reizbarkeit. Das alles kann die gesamte Persönlichkeit von Betroffenen massiv verändern und dazu führen, dass sie sich aus ihrem sozialen Umfeld immer stärker zurückziehen. Das wäre die schlimmste Entwicklung. Dass es krankhafte Veränderungen der Persönlichkeiten von Betroffenen gibt, wissen wir seit dem Ersten Weltkrieg. Damals wurde das nur anders interpretiert.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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