Zeitung Heute : Eine Falle für die Hoffnung

Der Tagesspiegel

Von Karin Ceballos-Betancur, Bogotá

Immer wenn Ingrid Betancourt ihr Haus in Bogotá verließ, begleitete sie ein Heer von Leibwächtern. Vor ihrem gepanzerten Geländewagen fuhr ein schweres Fahrzeug, das andere Autos wegstoßen kann, falls sie ihrem Konvoi den Weg abschneiden. Hinter Betancourt folgte ein Jeep mit vier Leibwächtern, zwei der Männer saßen auf der Rückbank, das Gesicht zur Heckscheibe, Maschinengewehre im Anschlag. 30 Sicherheitsbeamte arbeiteten im Schichtdienst, um die 40-Jährige vor Mordanschlägen zu schützen. Betancourt kandidiert für die kolumbianischen Präsidentschaftswahlen im Mai.

Doch als die Politikerin vor zehn Tagen vom Flughafen in Florencia aufbricht, um ins Gebiet der Farc-Guerilla nach San Vicente del Caguán zu fahren, reist sie allein. Schutzlos.

Die Fahrt dauert rund drei Stunden, vorbei an grünen, dicht bewaldeten Berghängen. Ingrid Betancourt verlässt Florencia in Begleitung ihrer Wahlkampfleiterin Clara Rojas, eines Mitarbeiters und zweier Journalisten – mit weißen Fahnen an der Karosserie. Gegen 15 Uhr passiert der Wagen den letzten Armeekontrollposten. Was dann geschieht, rekonstruiert die kolumbianische Tageszeitung „El Tiempo“ nach den Aussagen der drei Männer, die mit Ingrid Betancourt im Auto saßen. Auf dem letzten Streckenabschnitt vor San Vicente wird der Wagen von zwei umgestü rzten Bussen aufgehalten. Guerilleros der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) kontrollieren die Insassen. Einer von ihnen tritt im Unterholz versehentlich auf eine Mine und wird schwer verletzt zum Wagen getragen. „Dieser Krieg ist eine große Scheiße“, soll Ingrid Betancourt geschrien haben. Nach etwa einer Stunde Fahrt lässt die Guerilla Ingrid Betancourt und Clara Rojas in einen wartenden Lieferwagen umsteigen, der dann zu einem unbekannten Ziel davonfä hrt. Seitdem hat die beiden Frauen niemand gesehen.

Die Männer werden Stunden später freigelassen und erreichen die Landstraße im Morgengrauen. Das hat nichts mit euch zu tun, sollen die Guerilleros zu ihnen gesagt haben: „Nur Präsidentschaftskandidaten und Kongressabgeordnete“. Politische Geiseln als Verhandlungsmasse für einen Gefangenenaustausch mit der kolumbianischen Regierung.

Die Polizei in der Region soll Ingrid Betancourt wegen der andauernden Kämpfe zwischen Guerilla und Militär mehrfach vor der Reise gewarnt haben. „Man muss den Leuten in San Vicente beistehen, in guten wie in schlechten Zeiten“, soll Ingrid Betancourt erwidert haben. Aber vielleicht gehört das schon zum Heldenmythos, an dem sich seit ihrer Entführung selbst kolumbianische Medien beteiligen, die die Präsidentschaftskandidatin bisher immer „totschgeschwiegen“ haben, wie sie selbst einmal sagte.

Auch zum Interview in ihrem Wahlkampfbüro, kurz vor ihrer Entführung, fuhr Ingrid Betancourt in Begleitung ihrer Bodyguards vor. Später sagte sie mit ruhiger Stimme, dass sie bereit sei, für ihre Ziele ihr Leben zu geben. Da konnte sie noch nicht wissen, dass es die Guerilla sein würde, die sie wenige Wochen später entführen sollte. Ihr politischer Kampf galt immer der Korruption. Ihre Feinde, so glaubte sie damals noch, tragen Nadelstreifen, keine Tarnanzüge. Ingrid Betancourt zählt zu den wenigen Kandidaten, die sich bis zuletzt für die Fortsetzung der Friedensverhandlungen mit der Farc einsetzten. In ihrem Büro an der lauten Carrera 7 sprach sie davon, dass eine Regierung den Rebellen mit sozialen Reformen ihre Daseinsberechtigung entziehen müsse. Anhänger schätzen ihre Beharrlichkeit, Kritiker lästern über politische Naivität.

Dabei ist Ingrid Betancourt mit der Politik aufgewachsen. Ihr Vater, Gabriel war Diplomat und Bildungsminister, ihre Mutter, Yolanda Pulecio, einst Schönheitskönigin, war Abgeordnete und gründete fünf Heime für Straßenkinder in den Elendsvierteln der Hauptstadt. Als ihr Wagen vor wenigen Wochen in den Hof eines Heims rollte, riefen ihr die Kinder „Mami“ zu. Ihre Tochter Ingrid begleitete sie. „Wenn ich Präsidentin werde, könnt ihr alle studieren“, sagte Ingrid Betancourt zu den Kindern, „und wenn ich es jetzt nicht schaffe, kann ich es in vier Jahren noch mal versuchen.“ Sie trank Kamillentee im Stehen, in der Einfahrt drängten sich die Kleinen dicht an sie heran.

Drinnen im Verwaltungsgebäude sagte Ingrids Mutter, sie habe manchmal Angst um ihre Tochter. Aber sie werde sie nicht von der Kandidatur abhalten. „Ich glaube an Gott und an Ingrid“, sagte Pulecio, ohne zu wissen, dass sie schon bald um das Leben ihrer Tochter beten würde. Sie selbst war nur knapp einem Anschlag entgangen. 1989 leitete sie den Präsidentschaftswahlkampf des liberalen Kandidaten Luis Carlos Galán. Als er bei einem Auftritt in Bogotá ermordet wurde, überlebte Pulecio nur, weil sie auf dem Weg zur Tribüne stolperte und nicht an seiner Seite stand, als die Schüsse fielen.

Ingrid Betancourt selbst gab in diesem Jahr ihr bequemes Leben als Diplomatengattin auf – sie wohnte mit ihrem Mann, einem Franzosen, auf den Seychellen – und kehrte nach Kolumbien zurück. Ihre beiden Kinder blieben beim Vater, in Sicherheit. 1994 kandidierte sie erstmals als Abgeordnete. Im Wahlkampf verteilte sie an den Straßenkreuzungen der Hauptstadt Kondome, als Symbol für den Kampf gegen die Korruption, „die Aids-Krankheit Kolumbiens“. Sie schaffte auf Anhieb den Sprung ins Parlament, wo sie später unermüdlich eine Untersuchung der Bestechungsvorwürfe gegen den damaligen Präsidenten Ernesto Samper forderte.

In ihrem Wahlkampfbüro lachte Ingrid Betancourt, als sie über ihre Gegner sprach. Kolumbien, sagte sie, sei ein sehr konservatives Land. „Hier werden viele Dinge verschwiegen, die gesagt werden müssten, und das hat damit zu tun, dass Konfrontation hier als unhöflich empfunden wird. Wenn ich zu jemandem sage, ,Sie haben gestohlen’, wird man mir nicht antworten, , Beweisen Sie es’. Man wird sagen: ,Sie sind sehr unhöflich.’“

Sie war blass und wirkte müde an diesem Morgen. Ihr Vater hatte kurz zuvor einen Schlaganfall erlitten. Ingrid Betancourt pendelte zwischen Intensivstation und Wahlkampfveranstaltungen, und vielleicht hatte es mit Erschöpfung zu tun, dass sie weniger selbstgefällig wirkte als in ihrer Autobiografie „Die Wut in meinem Herzen“. In Frankreich wurde das Buch im vergangenen Jahr ein Bestseller . Zeitungen und Magazine feierten Betancourt als kolumbianische Jeanne d’Arc, während man ihr in ihrer Heimat vorwarf, sich im Ausland als einsame Aufrichtige unter Kriminellen zu präsentieren. Vor fünf Wochen erhoffte sich die Präsidentschaftskandidatin von ihrer Popularität im Ausland noch eine Art Lebensversicherung.

San Vicente del Caguán galt lang als Hauptstadt der „entmilitarisierten Zone“, einem Gebiet von der Größe der Schweiz. 1998, kurz nach seinem Amtsantritt, hatte der kolumbianische Präsident Andrés Pastrana die Streitkräfte aus der Region abgezogen, um einen Raum für die Friedensverhandlungen mit der Farc zu schaffen, der mit rund 25000 Kämpfern mächtigsten Guerilla Kolumbiens.

In der Nacht zum 23. Februar flog die Armee Luftangriffe auf Guerilla-Stützpunkte. Die „entmilitarisierte Zone“ ist Geschichte. Die Regierung begründet den Abbruch des Dialogs vor allem mit einer Flugzeugentführung, bei der ein Senator verschleppt worden war. Die Farc dementiere ihre Beteiligung. Es wäre nicht das erste Mal, dass Paramilitärs versuchten, die Verantwortung für eine ihrer Aktionen der Guerilla zuzuspielen.

Vor zwei Tagen wurde eine Senatorin ermordet, nach Polizeiangaben von der Farc-Guerilla. Sie wollte sich offenbar für die Freilassung von Geiseln einsetzen. Präsident Pastrana wird sich wohl auf keinen Gefangenenaustausch einlassen. Wie lange Ingrid Betancourt in der Gewalt ihrer Entfü hrer bleiben wird, weiß niemand. Die Farc gab der Regierung ein Jahr Bedenkzeit.

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