Zeitung Heute : Eine Feministin erforscht das sexy Cybergirl (Interview)

Frau Barth[Sie wollen sich dem Phänomen Lara]

Manuela Barth, 27, Video- und Animationsfilmerin aus München, hat das Magazin "LaraCroft:ism" herausgebracht, das sich künstlerisch und theoretisch mit dem Phänomen Lara Croft beschäftigt. Kaum eine virtuelle Figur hat so eine Breitenwirkung wie Lara Croft: als Abenteuerin in dem Spiele-Hit "Tomb Raider", oder als Pin-Up-Girl für das Männermagazin Playboy. Mit Manuela Barth sprach Andreas Krieger.

Frau Barth, Sie wollen sich dem Phänomen Lara Croft mit der Zeitschrift "LaraCroft:ism" - zu deutsch "Laracroftismus" - wissenschaftlich nähern. Ist der Titel nicht zu trocken für einen so lebendigen, sexy Untersuchungsgegenstand?

Nein, schließlich bietet das Magazin eine Auseinandersetzung mit Lara Croft als gesellschaftlichem Phänomen im weiteren Sinne. An ihrer Breitenwirkung kann man deutlich erkennen, wie eng virtuelle Welten mit gegenwärtigen Mode-, Lifestyle-und Fitnessidealen verbunden sind. Die Vorstellungen von einem perfekten Körper sind ja durchaus beeinflusst von technischen Möglichkeiten. So haben die Modelle in den Hochglanzmagazinen nur deshalb ein ideales Aussehen, weil die Fotos digital bearbeitet werden.

Warum ist Lara Croft eine spannendere Persönlichkeit als ihre virtuellen Konkurrentinnen Kyoko Date oder Busena?

Lara Croft vereint sehr widersprüchliche Aspekte: Sie ist eine kämpferische Action-Heldin und zugleich so sexy, dass sie Objekt männlicher Begierde sein kann. Die Figur ist offen und facettenreich angelegt - das macht sicher einen großen Teil ihrer Faszination aus.

Ist Lara Croft als Sexobjekt nicht ein Feindbild für eine feministische Künstlerin wie Sie?

Ich finde die Pin-Up-Versionen, die im Internet kursieren und gerade auch im Playboy erschienen sind, nicht gerade wünschenswert. Aber mir geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben. Wichtig ist mir, ein breites Publikum anzuregen, sich genauer mit virtuellen Bildern und Figuren zu beschäftigen, die durch digitale Techniken erzeugt und oft fraglos mit Fortschritt verknüpft werden. So warb kürzlich eine große deutsche Tageszeitung mit einem Plakat, auf dem unter der Überschrift "Zukunft" Lara Croft abgebildet war.

Es lieben eben alle Lara Croft. Aber warum?

Jeder kann auf sie persönliche Sehnsüchte und Ängste schrankenlos projizieren. Diese Offenheit erreichen reale Popstars - bei aller Stilisierung - nie. Die Realität von deren Körper oder Privatleben kann das reibungslose Funktionieren als Projektionsfläche stören.

Spielen Sie Tomb Raider?

Zu Forschungszwecken. Aber es hat auch Spaß gemacht, die Figur und das Spiel kennenzulernen.

Mögen Sie die Lara Croft, mit der Sie am Computer spielen?

Auf die Dauer verliert das Spiel für mich an Reiz. Was ich spannender finde, ist die Rezeption der Figur in Werbespots oder Musikclips. Man kann dort viel erfahren über die gegenwärtigen Grenzen zwischen Realität und Fiktion, über die Formen der Selbstdarstellung und Selbststilisierung, die gerade in sind.

Ist Lara Croft eine geeignete Leitfigur für selbstbewusste, postfeministische Frauen?

Ich bin noch mit den Mustern aufgewachsen, in denen es tabu war, als Mädchen zu schlagen. In diesem Sinne finde ich es wichtig, dass inzwischen eine Figur wie Lara möglich ist, die sich das herausnimmt. Gleichzeitig ist ihr gewalttätiges Vorgehen fragwürdig.

Ihre Zeitschrift "LaraCroft:ism" hat optisch wenig mit der Welt von Lara Croft zu tun. Das Heft ist schwarzweiß, die optische Aufbereitung bescheiden.

Die Zeitschrift ist low-tech gestaltet. Dafür sind die Bilder und Texte aufeinander bezogen und eröffnen im Durchblättern immer neue Aspekte. Das ist für mich das Angebot einer Interaktivität, welche die Leser mit ihren eigenen Fragen und Erfahrungen einbezieht. Eine bunte, effektvolle Oberfläche fordert selten dazu auf, Fragen zu stellen.Die Zeitschrift "LaraCroft:ism" (15 Mark) kann bestellt werden bei: kunstraum münchen, Goethestraße 34, 80336 München, Telefon: 089/5437 9900. Unter "www.laracroftism.de" können sich Interessierte interaktiv am Diskurs beteiligen.

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