Zeitung Heute : Eine Flut von Informationen

Verhindern lässt sich ein Hochwasser wie jetzt an der Elbe nicht – umso wichtiger ist es, die Deiche zu entlasten

Roland Knauer

In Teilen Sachsens gilt weiterhin Hochwasseralarm. Was hat man dort aus der Elbeflut 2002 gelernt?


Die Pegelstände der Elbe steigen wieder, Erinnerungen an das Jahrhundert-Hochwasser vom August 2002 werden wach. Bisher aber bleiben die dramatischen Bilder von damals aus. „Wir sind einfach besser vorbereitet“, sagt Eckehard Bielitz von der Sächsischen Landestalsperrenverwaltung in Pirna. Seit der Flut vor dreieinhalb Jahren sind die Behörden besser informiert, wo sich ab welchen Pegelständen das Wasser den Weg bahnt. Auch die Wasserstände können exakter als früher vorhergesagt werden.

Es sei wegen der zusätzlichen Informationen einfacher geworden, Evakuierungen zu planen, sagt Klaus Tittel, Bürgermeister der Stadt Wehlen in der Sächsischen Schweiz: „2002 gab es nur wilde Aussagen über Pegelstände.“ Nach Ansicht des technischen Einsatzleiters von Pirna, Peter Kammel, sind die Vorwarnzeiten für das Hochwasser länger und damit besser als vor vier Jahren. Außerdem gebe es klare Strukturen, die funktionierten.

Weil 2002 viele Menschen – darunter auch häufig die Verantwortlichen – nicht wussten, wo sie wichtige Informationen herbekommen sollten, verliefen die Rettungsmaßnahmen teilweise chaotisch. In Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es seitdem jeweils eine rund um die Uhr besetzte Hochwasserzentrale. Über ein Bürger- und ein Service-Telefon können der aktuelle Stand der Dinge und weitere Telefonnummern abgerufen werden.

Für knapp 25 Millionen Euro haben Experten außerdem allein in Sachsen 47 Hochwasserschutzkonzepte entwickelt, die alle Gewässer vom Erzgebirge bis zur Elbe bei Torgau exakt analysieren. Demnach sollen einzelne Orte oder Ortsteile wie die Siedlung Röderau-Süd am rechten Elbufer bei Riesa umgesiedelt werden, weil sie nicht ausreichend vor Hochwasser geschützt werden können. Im Mittelgebirge will die Landestalsperrenverwaltung in weiteren Rückhaltebecken einen Teil des Hochwassers schon am Ort seines Entstehens speichern. Allerdings dauert es etliche Jahre, bis solche Bauwerke geplant, genehmigt und gebaut sind. Immerhin wurde noch im Spätwinter 2006 das 37,4 Millionen Euro teure Rückhaltebecken in Lauenstein im Erzgebirge fertig gestellt, das fünf Millionen Kubikmeter Wasser fassen kann. Die jetzige Schneeschmelze nutzen die Ingenieure für den Probebetrieb, der Fluss Müglitz hat das Becken bereits halb gefüllt.

Experten sind sich darin einig, dass das zusätzliche Wasser in erster Linie besser verteilt werden muss. Diese schon vor dem Hochwasser 2002 bekannte Erkenntnis wird seither vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt ernst genommen. Allein in Sachsen sind drei neue Polder an der Elbe selbst und ein weiterer an einem Nebenfluss geplant. In einigen Jahren sollen sie insgesamt 29 Millionen Kubikmeter Wasser zwischenlagern und so den Scheitel eines Hochwassers um mehr als zwanzig Zentimeter senken. Das kann für einen aufweichenden Damm entscheidend sein.

Allheilmittel sind aber auch die Polder nicht: „Wir schaffen es nicht gegen die Natur – wir müssen mit der Natur arbeiten und weitere Überflutungsflächen schaffen“, sagt der Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz (LHW) von Sachsen-Anhalt, Burkhard Henning. Er will daher neben den beiden in Sachsen-Anhalt für 65 Millionen Euro geplanten „technischen“ Flutpoldern an der Elbe und der Mulde mancherorts auch die Deiche ein Stück vom Fluss wegrücken. Dort hat das Hochwasser dann mehr Platz, der Wasserstand bleibt niedriger und die Deiche werden entlastet.

Im Wald bei Lödderitz zwischen Dessau und Magdeburg schneidet zum Beispiel ein Deich die Reste eines Auwaldes von der Elbe ab. Gemeinsam wollen dort die Naturschutzorganisation WWF, das Bundesamt für Naturschutz Bonn und der LHW sieben Kilometer Deich einige hundert Meter weiter vom Fluss entfernt neu bauen und den alten Deich mit großen Schlitzen wasserdurchlässig machen. Die Pläne sind inzwischen fertig, die Planfeststellung kann beginnen. Wenn die Baumaßnahmen in einigen Jahren abgeschlossen sind, wird nicht nur der seit 1979 als Biosphärenreservat geschützte Lödderitzer Forst aufleben, weil die Bäume wieder im Wasser stehen. Auch der Fluss gewinnt an dieser bisherigen Engstelle sechshundert Hektar zusätzliche Überschwemmungsfläche. Das senkt den Scheitel eines Hochwassers um 25 Zentimeter. Anders handelt dagegen laut WWF das Land Niedersachsen: Dort werden die bestehenden Deiche auf Biegen und Brechen verteidigt und Rückverlegungen abgelehnt.

Die zusätzlichen Kosten halten sich bei einer Deichverlegung in Grenzen. Oft genug müssten die alten Deiche ohnehin saniert werden, sagt LHW-Ingenieur Hans-Werner Uhlmann. Außerdem folgen die neuen Deiche nicht mehr jeder Schleife eines Flusses und sind deshalb kürzer. Mit diesen Deichneubauten können nicht nur Hochwasserschäden beseitigt werden, es entstehen auch neue Flut-Bollwerke nach dem neuesten Stand der Technik. Allein 103 Kilometer Deiche baute oder sanierte das LHW zum Beispiel 2004. Bei Roßlau gewann die Elbe dabei gleichzeitig 135 Hektar zusätzliche Überschwemmungsfläche – ein Grund dafür, dass sich die dramatischen Bilder von 2002 nicht wiederholen.

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