Zeitung Heute : Eine Frage der Dosis

Kampfgas oder Narkosemittel – was atmeten die Menschen in dem Musical-Theater ein?

Adelheid Müller-Lissner

Fest steht nur eines: Die Opfer der Moskauer Geiselnahme, die nach der Erstürmung in Krankenhäuser eingeliefert wurden, waren zunächst betäubt. Wenn Ärzte das Bewusstsein eines Patienten ausschalten wollen, etwa vor einer Operation, können sie heute eine ganze Palette von Stoffen gezielt und dosiert einsetzen. Neben der Injektion in die Vene spielt nach wie vor die Inhalationsnarkose eine Rolle, bei der gas- und dampfförmige Betäubungsmittel eingeatmet werden. Bekannt sind etwa Lachgas oder Äther. Theoretisch könnte man damit auch einen ganzen Raum füllen, doch sind dafür sehr hohe Mengen nötig, um ausreichende Konzentrationen zu erreichen. Den Medizinern der Toxikologischen Abteilung der II. Medizinischen Klinik des Münchner Klinikums rechts der Isar, einer Spezialeinrichtung, in die zwei befreite Deutsche in der Nacht zum Sonntag geflogen wurden, liegen bisher keine Erkenntnisse über den Stoff vor. Deren Leiter Thomas Zilker hält es für möglich, dass der Narkosegas-Klassiker Lachgas in hoher Dosierung zum Einsatz kam. Doch es wird auch diskutiert, dass in Moskau möglicherweise ein Kampfgas eingesetzt wurde. Es könnte gezielt so weiterentwickelt und dosiert worden sein, dass es möglichst nicht tödlich wirkt und keine Dauerschäden hinterlässt.

Eine der Hauptwirkungen von Giftgasen besteht darin, dass sie an Kontaktstellen des Gehirns die Übertragung von Erregungen hemmen, die für die Atmung nötig sind. Dadurch kommt es zu Atemlähmungen. Länger andauernder Sauerstoffmangel führt zu dauerhaften Schäden der Funktion der Großhirnrinde. „In der Regel steht bei Gasvergiftungen die Auswirkung auf die Atmung im Vordergrund. Es muss so schnell wie möglich mit der Beatmung begonnen werden", sagt deshalb Anästhesie-Chefarzt Michael Goldstein von der Berliner Parkklinik Weißensee.

Bewusstseinsstörungen können aber auch zum Ersticken führen, zum Beispiel durch Erbrochenes. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn das Gift Übelkeit hervorruft. Zu den wichtigen ärztlichen Maßnahmen gehört in den ersten Tagen die Überwachung und Stabilisierung von Herz und Kreislauf.

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