Zeitung Heute : Eine Frage der Interpretation

Matthias B. Krause[New York]

Nach mehr als 18 Jahren hat Alan Greenspan gestern seinen Posten aufgegeben. Wie war sein letzter Tag als Chef der US-Notenbank?


Zur Feier des Tages wurden die Fotografen und Kameramänner sogar bis in die heiligen Hallen der Federal Reserve Bank in Washington vorgelassen. Doch was sie zu Beginn der Sitzung des Offenmarkt-Ausschusses der Fed vorfanden, war wenig aufregend. Die Herren kümmerten sich nicht um ihre Bitte, doch einmal in die Linsen zu blicken. Und Chairman Alan Greenspan machte schon gar keine Anstalten, aus seinem letzten Arbeitstag nach mehr als 18 Jahren an der Spitze der amerikanischen Notenbank ein besonderes Spektakel zu inszenieren. Auch der Ausgang der Sitzung war wie erwartet: Zum vierzehnten Mal in Folge erhöhte die Fed die Leitzinsen auf nun 4,5 Prozent.

Beinahe zeitgleich bestätigte auf dem Capitol Hill der Senat Greenspans Nachfolger, den 52-jährigen Wirtschaftsprofessor Ben Bernanke. Er wird am Mittwoch als vierzehnter Chairman seit Gründung der Federal Reserve Bank 1913 seine Arbeit aufnehmen.

Die Fußstapfen, die Greenspan hinterlässt, sind riesig. Er manövrierte die US-Wirtschaft durch einen Börsencrash, zwei Rezessionen und die Krise nach den Anschlägen des 11. September 2001. Dabei war seine Strategie nicht immer ganz einfach festzumachen, seine kryptischen Andeutungen zur Lage der nationalen Ökonomie wurden legendär.

Greenspan selbst sieht sich als „Bayesian“, als Anhänger eines britischen Priesters aus dem 18. Jahrhundert, einem der geistigen Väter des Konzepts des „Riskmanagement“. Demnach erscheint es sinnvoll, anstatt zu versuchen, die „richtige“ Entscheidung zu treffen, kleine Risiken in Kauf zu nehmen, um größere zu vermeiden. Greenspan sei ein Fuchs gewesen, urteilte das „Wall Street Journal“ zu seinem Abgang, er habe sich mit seinen stark interpretationsfähigen Statements einem sich ständig bewegenden wirtschaftlichen Umfeld angepasst. Dazu zitiert die Zeitung einen Ausspruch des „Maestro“ (wie der Journalist Bob Woodward seine Greenspan-Biographie betitelte) aus dem Jahre 2003: „Ungewissheit ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der geldpolitischen Landschaft, die ist die definierende Eigenschaft dieser Landschaft.“

Wenn der 79-Jährige sich jetzt in den Ruhestand zurückzieht, dann wird er seine Rente kaum mit Nichtstun verbringen. Er werde ein Buch schreiben, hat er bereits angekündigt. Außerdem bietet künftig das „Washington Speakers Bureau“ seine Dienste als Redner feil. Das Honorar werde so um die 150 000 Dollar pro Auftritt betragen, berichtete vor kurzem die „Financial Times“. Schließlich will der ehemalige Notenbankchef eine Beratungsfirma gründen, „Greenspan Associates“.

Seinem Nachfolger hat er ein geordnetes Haus hinterlassen, auch wenn Bernanke der anhaltende Boom auf dem Immobilienmarkt in den USA Sorgen machen muss, der auch auf die langjährige Niedrigzinspolitik Greenspans zurückgeht. Weitere Zinserhöhungen, wie sie Greenspan an seinem letzten Arbeitstag bereits durchblicken ließ, könnten die Blase zum Platzen bringen.

Außerdem muss sich der Wirtschaftsprofessor aus Princeton, der zuletzt US-Präsident George W. Bush als ökonomischer Berater gedient hatte, erst noch das Vertrauen der Märkte erwerben. Was ihm bevorsteht, hat er einmal so beschrieben: „Wenn Geldmengenpolitik ist wie Autofahren, dann hat der Wagen aber einen unzuverlässigen Tacho, eine beschlagene Windschutzscheibe und die Tendenz, unvorhersagbar zu reagieren.“ So gesehen war Greenspan ein excellenter Fahrer.

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