Zeitung Heute : Eine Frage der Schere

Wenige Stunden vor dem ersten Kanzlerduell: Wolfgang Joop macht sich von den Kandidaten sein ganz eigenes Bild und zeichnet das Paar Schröder-Stoiber.

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Von Harald Martenstein

Sabine Schwind von Egelstein kann einem auch wirklich jeden Spaß verderben. Seit Wochen freuen wir uns zum Beispiel auf heute Abend, auf das erste Fernsehduell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Denn, ehrlich gesagt – was wir wählen wollen, das wissen wir noch nicht. Unsereins ist mehr so der wankelmütige Typ. Aber politisch interessiert!

Da denkt man: Ich gucke mir die zwei Spitzenkandidaten an und den, der eine Spur weniger gemeingefährlich wirkt, schwups, den wähle ich einfach.

Sabine Schwind von Egelstein ist aber von Beruf Imageberaterin und hat herausgefunden, dass ein Mensch sich vom Inhalt einer mittelkurzen politischen Ansprache durchschnittlich sieben Prozent merken kann. Nur sieben. Ich weiß nicht, wie sie das herausgefunden hat – vielleicht gibt es irgendwelche Labors, wo Wähler auf Stühlen festgeschnallt werden und sich Politikerreden anhören müssen, ähnlich wie diese Folterszene in „Clockwork Orange“, bis sie röcheln und Lymphflüssigkeit unten aus ihnen herausläuft, ja, die gefürchteten Egelsteinschen Labors auf Schloss Egelstein im Egelsteingebirge.

Aber es stimmt ja. Man kann sich das Zeug nicht merken. In Wirklichkeit wählt man nicht den Besseren, sondern den Besserwirkenden, dieses Phänomen nennt man das „Egelsteinsche Gesetz“. Deswegen kommt es auf die Kleidung an, die kann man sich nämlich zu 45 Prozent merken, und es beeinflusst einen subkutan, wenn Sie verstehen, was ich meine. Was die Kleidung angeht, herrscht ein Expertenstreit darüber, ob Gerhard Schröder die von ihm bevorzugten Haifischkrägen wirklich stehen – mag sein, dass der Haifischkragen einer dieser historischen Irrtümer der Sozialdemokratie ist, wie 1914 die Zustimmung zu den Kriegskrediten oder 1996 die Zustimmung zu Rudolf Scharping. Einigkeit herrscht darüber, dass Edmund Stoiber seine Krawatten so herstellt wie im Westernkino der Henker seine Schlinge. „Herr Stoiber knotet zu eng“, sagt die Imageberaterin Maria Boers. Imageberaterin ist übrigens, neben Hebamme, einer der letzten echten Frauenberufe.

Jede Einzelheit des Duells haben sie vorher durchgekaut und festgelegt: Wie lange die Antworten dauern dürfen (90 Sekunden), wie oft nachgefragt werden darf (zwei Mal), ob die Hinterköpfe der Duellanten gezeigt werden dürfen (nein), wer rechts steht, wer die erste Frage gestellt kriegt (Schröder). Auch über die Krawatten wurde im Vorfeld diskret geredet, es sollen ja nicht beide die gleiche tragen. Nach dem Duell senden alle Sender bis zum Morgengrauen Diskussionen mit Experten, die darüber streiten, wer besser war. Diese Nachgespräche sind angeblich noch wichtiger als die Kleidung der Kandidaten – denn nur zu gerne schließen sich denkfaule Individuen wie du und ich der wohlformulierten Meinung eines intelligent wirkenden Experten an. Fazit: Alles, alles ist heute Abend wichtig, bloß nicht das, was die Kandidaten sagen.

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