Zeitung Heute : Eine Frage des Alters

Die großen deutschen Volksparteien sind überaltert und kämpfen um Nachwuchs

Eva H emer
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Über das Alter zu sprechen, fällt vielen schwer. Oft wird es sogar als ein Tabu angesehen, jemanden nach seinem Alter zu fragen. Ein Tabu, das zumindest in Sachen Politik gebrochen werden sollte: Angela Merkel ist 55 Jahre alt – Frank-Walter Steinmeier 53. Kanzlerin und Kandidat repräsentieren damit mehr oder weniger die Altersstruktur in den großen Parteien Deutschlands. Das und viele weitere Erkenntnisse aus der Parteienlandschaft offenbart eine aktuelle Untersuchung, veröffentlicht von Professor Oskar Niedermayer, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Für Merkel, Steinmeier und Co. geht das Superwahljahr 2009 in die heiße Phase. Und wie immer, wenn eine wichtige Wahl ansteht, spielen Zahlen und Fakten eine entscheidende Rolle. 62,2 Millionen Deutsche sind berechtigt, für die 17. Bundestagswahl ihre Stimme abzugeben. Ihre Kreuzchen auf den Stimmzetteln müssen erst noch gezählt und ausgewertet werden. Andere wichtige Daten stehen bereits fest: Oskar Niedermayer hat die Entwicklung, regionale Verteilung und soziostrukturelle Zusammensetzung der Parteimitgliedschaften in Deutschland seit 1990 untersucht.

Die Daten belegen: Das Durchschnittsalter der Christdemokraten liegt bei 56 Jahren, die Sozialdemokraten sind durchschnittlich 58 Jahre alt. Diese Zahlen beziehen sich auf das vergangene Jahr, Stichtag war der 31. Dezember. Die Anzahl der Senioren unter den Parteimitgliedern, also der über 60-Jährigen, hat sich seit den 1990er Jahren ständig gesteigert. Diese – neudeutsch auch „Generation Silber“ genannten – Parteimitglieder gehören in der CDU und der Partei Die Linke mittlerweile zur größten Altersgruppe. Auffallend ist, dass der Anteil der unter 30-Jährigen in den großen Volksparteien CDU, CSU und SPD nur bei rund sechs Prozent liegt, dagegen bei der FDP doppelt so hoch, bei mehr als zwölf Prozent.

Dabei seien Jugendliche gar nicht so parteiverdrossen wie gerne behauptet wird, sagt Professor Niedermayer: „Junge Leute haben heutzutage mehr Möglichkeiten, sich politisch zu organisieren als früher, müssen dabei allerdings nicht mehr einer Partei beitreten, sondern wählen öfter andere Organisationen aus.“ Und sie haben immer weniger Freizeit, die sie immer häufiger anders nutzen möchten als mit Parteiarbeit. „Viele Jugendliche wollen sich nicht längerfristig an eine Parteiorganisation binden, sie sind organisationsabstinent.“ Das sei ein weiterer Grund für diese Zahlen.

Sich politisch in einer Partei zu engagieren, bedeutet Zeit und langfristige Verbundenheit aufzubringen. Es hat den Anschein, als würden Jugendliche davon abgeschreckt. Für die Parteien bedeutet das viel Mobilisierungsarbeit. Alle Parteien versuchten derzeit händeringend, neue und vor allem junge Mitglieder zu werben, sagt Oskar Niedermayer. Denn im schlimmsten Fall würden die Parteien ohne Nachwuchs und mit weiterem Mitgliederschwund ihre gesellschaftliche Verankerung verlieren und damit das Gespür für die Nöte und Sorgen der Bürger.

Seit acht Jahren untersucht Niedermayer, der auch die Arbeitsstelle Empirische Politische Soziologie des Otto-Stammer-Zentrums an der Freien Universität leitet, jährlich die Daten über Parteimitglieder. Die Informationen erhält er von den Parteizentralen. Ein Problem für die großen Parteien ist neben dem zunehmenden Alter – wie auch dem Mangel an Frauen – der Verlust an Mitgliedern allgemein, erläutert Niedermayer: „Die großen Parteien werden kleiner, während die anderen Parteien, wie FDP und Grüne, Mitglieder gewinnen.“

CDU, CSU und SPD zählen zurzeit zusammen lediglich wenig mehr als eine Million Anhänger mit Parteibuch. Die größten Mitgliederverluste muss dabei, wie in den vergangenen Jahren, die SPD mit minus 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verschmerzen, gefolgt von der CSU (minus 2,3 Prozent) und CDU (minus 1,4 Prozent).

Während die großen Parteien Mitgliederschwund verzeichnen, freuen sich FDP (plus 2,4 Prozent), Grüne (plus 2,0 Prozent) und allen voran Die Linke mit einem Plus von sechs Prozent über mehr Anhänger. Mit durchschnittlich 40 Jahren, so belegen die Zahlen der Untersuchung an der Freien Universität, treten derzeit in Deutschland die meisten Menschen einer Partei bei. Die Zeiten, als Parteien ständig wuchsen und junge Menschen aufgrund der Familientradition schon mit 16 oder 18 Jahren beitraten, sind laut Niedermayer lange vorüber.

Die Parteien haben das Problem längst erkannt. Mit Schnuppermitgliedschaften, geringeren Beiträgen und „jugendbezogenen Themen“ möchten sie ihre Attraktivität steigern. „Sie versuchen ihr Möglichstes, um neue Mitglieder zu gewinnen“, sagt Niedermayer. Gegen die Verlagerung der Freizeitaktivitäten beispielsweise auf die neuen Medien sowie alternative politische Organisationen, denen Jugendliche immer häufiger beitreten, gebe es kein Patentrezept. „Es gibt Anzeichen dafür, dass die Talsohle erreicht ist und sich der Mitgliederschwund nicht weiter beschleunigt“, meint Niedermayer. Genaueres wird sich im nächsten Jahr zeigen, wenn an der Freien Universität wieder die neuesten Zahlen ausgewertet werden.

Die jüngste Mitgliederstruktur hat die Partei Bündnis 90/Die Grünen – und auch die jüngste Abgeordnete. Anna Lührmann, Jahrgang 1983, zog 2002 mit gerade einmal 19 Jahren in den Bundestag ein. Nach zwei Legislaturperioden tritt Lührmann nicht wieder an. Wer weiß, wer demnächst ihren Platz und den Titel „jüngster Abgeordneter“ einnehmen wird?

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