Zeitung Heute : Eine französische Revolution

Alles sah nach dem üblichen Duell aus. Ein Wahlkampf zwischen rechts und links, Nicolas Sarkozy gegen Ségolène Royal. Doch nun ist ein Verfolger aufgetaucht

Albrecht Meier[Tours]

Der Flecken Les Hérolles ist fünf Autostunden von Paris entfernt, 50 Einwohner gibt es, und an jedem Monatsende ist Markttag. Das hat Napoleon so dekretiert. Es duftet hier nach gebratenen Merguez-Würstchen, auf den Wiesen rings um den Markt liegt noch Tau. Man probiert eine Andouillette, eine mit Innereien gefüllte Kuttelwurst. Man könnte jetzt noch ein Glas Rosé trinken, davon steht hier morgens um zehn auch schon reichlich auf den Tischen, aber da kommt endlich Ségolène Royal.

Sie steigt aus dem Renault aus, die Sozialistin, sie ist gut gelaunt an diesem Morgen. Man sieht ihr nicht an, dass sie am Tag zuvor drei andere Wahlkampfauftritte in den Loire-Städten Orléans, Blois und Tours absolviert hat. Ordner in schwarzen Jacken schirmen die zierliche Frau ab, die sich in einer Traube von Fotografen und Kameraleuten durch das Markttreiben zwängt. Das Medienaufgebot amüsiert Ségolène Royal. Ihr Lachen hat etwas Mädchenhaft-Unbekümmertes. „Sie ist charmant“, urteilt ein Mittfünfziger mit einer grünen Schiebermütze. Ein Journalist, der soeben ein Brevier über das Dutzend der französischen Präsidentschaftskandidaten verfasst hat, ahmt das Blöken eines Schafes nach. Alle folgen brav Madame Royal.

Frankreich ist im Wahlkampf. Am 22. April findet die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Dann entscheidet sich, welche beiden Kandidaten in die Stichwahl zwei Wochen später gelangen. Ségolène Royal hat gute Chancen, in die zweite Runde zu kommen. Nicht wenige Franzosen sehen in ihr schon die nächste Staatschefin. „Ségolène, Présidente“ rufen ihr die Leute überall zu, wo sie in diesen Tagen auftritt.

Patrice Aubineau ist an diesem Morgen aus Tours zum Markt nach Les Hérolles gekommen. Der 53-Jährige mit dem Schnauzbart, der nach eigenem Bekunden kein Anhänger der Sozialisten ist, verkauft hier Röcke und Damenjacken. Er will mit 60 in Rente gehen, „denn wenn du jeden Tag in der Woche fünf Stunden lang an deinem Stand stehst, auch bei Schnee und Eis, dann hältst du das nicht länger durch“. Als Ségolène Royal bei ihm vorbeikommt und die Jacken betrachtet, will er mit ihr eigentlich auch über die Rente sprechen. Doch dazu reicht die Zeit nicht. Dabei ist das Thema für die Franzosen hoch brisant. Mit ungläubigem Staunen haben sie verfolgt, dass in Deutschland gerade die Rente ab 67 beschlossen worden ist. Umfragen zufolge hält die Mehrheit der Franzosen den Vorruhestand mit 55 für das ideale Modell – und im Wahlkampf verlangen sie nun von den Präsidentschaftskandidaten klare Aussagen über das künftige Renteneintrittsalter.

Ségolène Royal hat seinen Stand schon wieder verlassen, da sagt Patrice Aubineau: „Ich habe nichts gegen sie.“ Wem er am 22. April seine Stimme geben will, verrät er nicht. So wie Aubineau hat sich ein großer Teil der Wähler noch nicht auf einen Kandidaten – oder eben eine Kandidatin – festgelegt. In den Umfragen führt derzeit der Kandidat der konservativen Regierungspartei UMP, Nicolas Sarkozy, gefolgt von Royal und dahinter dem Zentrumspolitiker Francois Bayrou.

Der liberale Bayrou ist die eigentliche Überraschung dieses Wahlkampfs. Kaum jemand hatte den bodenständigen, stets etwas bieder wirkenden Politiker auf der Rechnung, bis er Anfang März Royal in den Umfragen plötzlich einholte. Damit ist auf einmal aus dem Duell zwischen der Sozialistin Royal und dem Konservativen Sarkozy, das die Links- rechts-Spaltung des Landes widerspiegelt, ein unübersichtlicher Dreikampf geworden. „Tout est possible“ – der Wahlspruch des gegenwärtigen Favoriten Sarkozy gilt auch für den Ausgang der Wahl: Alles ist möglich. Käme es am 6. Mai im zweiten Wahlgang zu einer Stichwahl zwischen Sarkozy und Bayrou, würde sie Bayrou nach einer am vergangenen Samstag veröffentlichten Umfrage gewinnen.

Der unerwartete Popularitätszuwachs des ehemaligen Französischlehrers und Erziehungsministers Bayrou erklärt sich damit, dass er auf viele gemäßigte Franzosen anziehend wirkt. Ihnen gefällt es, dass Bayrou – anders als Sarkozy und Royal – bewusst darauf verzichtet, sich als Politstar zu vermarkten. Stattdessen wirbt er als Chef der rechtsliberalen Partei UDF, der Union pour la Démocratie Française, unverdrossen für eine Konsenspolitik deutscher Prägung. Dabei findet Bayrou gegenwärtig so viele Zuhörer wie noch nie. Denn den Wählern in der Mitte ist einerseits der Ehrgeiz suspekt, mit dem Sarkozy in den Elysée-Palast strebt. Auf der anderen Seite halten viele das Programm Royals für wenig aussagekräftig. Abtrünnige Sozialisten sprechen hinter vorgehaltener Hand auch schon mal von einem „Versandhauskatalog“.

Seit sich Bayrou an ihre Fersen geheftet hat, ist für Ségolène Royal die Lage nicht einfacher geworden. Bis sich am 22. April entscheidet, wer in die Stichwahl einziehen kann, muss die 53-jährige Offizierstochter an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen: Sie muss Frankreichs Linke mobilisieren, ohne dem Zentristen Bayrou Wähler zuzutreiben. Sie muss die Sozialisten auf den ersehnten Wahlsieg einschwören, darf dabei ihre kritische Distanz zur eigenen Partei aber nicht aufgeben.

Wie sie das macht, lässt sich in Tours beobachten, wo sie vor 3600 Anhängern im Sportpalast in einem Hochhausviertel spricht. Fast unmerklich, als stünde sie auf einer unsichtbaren Drehscheibe, bewegt sich die Kandidatin in der Mitte der Arena. Auf dem Sparringspodest, das dort aufgebaut ist, spricht Royal langsam, mit ruhiger Stimme. Und während sie so redet und beharrlich, manchmal etwas monoton, ihr Programm erläutert, dreht sie sich linksherum, in die eine Richtung der Halle, und rechtsherum. Und dann wieder linksherum. Keiner soll das Gefühl haben, ausgeschlossen zu werden. Man muss „die Armut in allen ihren Formen bekämpfen“, sagt sie, aber auch „keine Angst haben vor der Globalisierung“.

Es ist keine aufpeitschende Rede, die sie hält. Das überlässt sie François Hollande, der nicht nur Parteichef der Sozialisten ist, sondern auch ihr Lebensgefährte. Als sie sagt, dass die Kandidaten des rechtsbürgerlichen Lagers die Franzosen erst mit 70 in Rente schicken wollen, ertönen laute Buh-Rufe. Royal hält besänftigend die Hände hoch und ordnet an: „Keine Buh-Rufe in meinen Versammlungen!“ Was allerdings auch nur der halbe Teil der Wahrheit ist. Denn je näher der Wahltag rückt, umso giftiger werden die Pfeile, die sie auf den Favoriten Sarkozy abschießt.

Dabei ist Sarkozy zumindest bis zum ersten Wahlgang gar nicht ihr ärgster Widersacher. Für die Anhänger des linken Lagers ist der Hardliner, der seinerzeit randalierende Jugendliche als „Abschaum“ bezeichnete, ohnehin kaum wählbar. Dagegen stellt sich so mancher Linkswähler die Frage, ob er nicht diesmal Bayrou die Stimme geben soll. In dem Wettlauf um das Präsidentenamt kommt dem 55-jährigen Zentrumspolitiker jetzt zugute, dass sich seine Partei, die UDF, in der letzten Legislaturperiode ihre Unabhängigkeit von der Regierung gewahrt hat. So versagte die UDF dem Haushalt des vergangenen Jahres ihre Unterstützung. Allerdings fehlt Bayrou bis jetzt ein entscheidendes Mittel – Parteienmacht. Im Parlament bildet die UDF eine verschwindend kleine Minderheit.

Und doch rechnet sich Bayrou immer noch eine Chance aus, bei der Präsidentschaftswahl am Ende der lachende Dritte zu sein. Ähnlich wie Ségolène Royal kann er sich darauf berufen, mehrere Wählermilieus anzusprechen. Er hat eine Biografie über Henri IV. geschrieben, aber auch nie verleugnet, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt. Als sein Vater bei einem Traktorunfall starb, kehrte er an den elterlichen Hof am Fuß der Pyrenäen zurück und half der Mutter. Gleichzeitig gab er in der Nachbarstadt Unterricht.

Als Bayrou dann später in die Politik ging, wurde ihm lange Zeit das Etikett umgehängt, ein „Weichling“ zu sein. Beim letzten Präsidentschaftswahlkampf vor fünf Jahren, als er Vierter wurde, hat er gezeigt, dass er auch anders kann. Bayrou besuchte damals einen Vorort von Straßburg, der zuvor Schauplatz von Ausschreitungen gegen die Polizei geworden war. Als einer der umstehenden Jugendlichen bei Bayrous Wahlkampftermin versuchte, dem Kandidaten die Geldbörse aus der Tasche zu fingern, fackelte der ansonsten so gutmütige Mann nicht lange – und verpasste dem Jungen eine Ohrfeige. Ihm hat das anschließend im Wahlkampf nicht geschadet.

Wer Bayrou aus der Nähe beobachtet, dem fällt auf, dass er das Handicap aus seinen Jugendtagen, das Stottern, bis heute nicht vollends überwunden hat. Bei einer Versammlung vor 4000 Menschen in Saint-Etienne am Rande des Zentralmassivs redet er schnell, schneller als es beispielsweise Ségolène Royal in ihren Ansprachen tut. Und dann gibt es doch hin und wieder ein Zögern, wie es Menschen eigentümlich ist, die nach dem richtigen, einfachen Wort suchen. Seine Botschaft könnte indes simpler nicht sein: Die Franzosen sind es leid, dass sie sich bei jeder Wahl immer nur zwischen links und rechts entscheiden können.

Seit dem Wahlsieg des Sozialisten François Mitterrand im Jahr 1981, sagt Bayrou, gibt es einen „ständigen Kleinkrieg“ zwischen beiden Lagern. Damit soll nun Schluss sein, fordert er.

Dass es für den Zentrumsmann im Endspurt um die Präsidentschaft nicht ganz einfach werden dürfte, Wähler im linken Lager abzufischen, zeigt sich bei einem Besuch in einem Stahlschmiedewerk auf einer Anhöhe außerhalb von Saint-Etienne. An der Produktionsstraße trifft Bayrou dort auf Gérard, einen eifrigen Verfechter der 35-Stunden-Woche. Und weil viele Kameras dabei sind, inszeniert Gérard diese Begegnung auch ganz mediengerecht. Noch während er gegen Überstunden wettert und auf Bayrou einredet, reißt er seine Blaumann-Jacke auf. Bayrou muss nun auf Gérards Brust schwarz auf weiß lesen, für wen dessen Herz schlägt: Ségolène Royal.

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