Zeitung Heute : Eine Geschichte und zwei Bewacher

Der Wissenschaftler Hubertus Knabe sagt einem Journalisten Stasi-Mitarbeit nach. Er hat Recht damit, und es ist trotzdem falsch. Ein Gericht befindet deshalb auf Schmerzensgeld

David Ensikat

Andreas Förster hat viel Zeit vertan, so viel steht fest. Statt 18 Monaten Pflichtwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee der DDR hat er 36 Monate als Wachsoldat beim Regiment „Feliks Dzierzynski“ verbracht. Da stand er meistens rum, in Uniform und mit Maschinenpistole und hat „Objektsicherungsmaßnahmen durchgeführt“. So hieß das damals. Die „Objekte“ waren Ministerien in Ost-Berlin, auch das für Staatssicherheit, oder die Bonzensiedlung in Wandlitz, in der Erich Honecker, Erich Mielke und die anderen Politbürokraten wohnten.

Erich Mielke war Andreas Försters Chef. Denn Andreas Försters Wachregiment gehörte zu Erich Mielkes Staatssicherheitsdienst. Kann man also sagen: Andreas Förster war Stasi-Mitarbeiter? Eigentlich schon. Eigentlich.

Wenn man es aber ohne jede Erläuterung sagt – Wachsoldat, nicht Spitzel oder Offizier – dann muss man damit rechnen, missverstanden zu werden.

Darum ging es gestern vorm Landgericht Berlin. Andreas Förster, heute Redakteur bei der „Berliner Zeitung“, hat Hubertus Knabe, Wissenschaftlicher Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, auf ein Schmerzensgeld von 20000 Euro verklagt. Im September 2003 hatte Hubertus Knabe in einer Fernseh-Talkshow gesagt: „Ich finde es zum Beispiel unerträglich, dass in der ,Berliner Zeitung’ ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter ständig über Stasi-Themen schreibt.“

Andreas Förster hat über Stasi-Themen viel geschrieben, auch Bücher. Wer ein wenig mit der Materie zu tun hat, konnte leicht erkennen, dass Hubertus Knabe Andreas Förster meinte. Nun fragten also die, die mit der Materie zu tun haben, Andreas Förster: Sie, ein Stasi- Mann? Und meinten: Sie also auch.

Für einen, der über Stasi-Dinge Bücher und Artikel schreibt, kann das das Ende sein. Dass es Andreas Förster in diesen Tagen gar nicht gut ging, kann man sich denken. Immer wieder beteuerte er: Ich war kein IM, ich war kein Offizier. Ich habe Wache gestanden beim Dzierzynski-Regiment. Andreas Förster konnte auch seine Akte vorzeigen, keine Opfer-Akte, gewiss aber auch nicht die eines Täters. Darin steht, dass er nach den 36 Wachmonaten jede weitere Arbeit für die Stasi abgelehnt hatte.

Die Redaktion der Zeitung glaubte ihm, hier hatte er schon vor vielen Jahren über seinen Dienst beim Stasi-Regiment Bericht erstattet. Dennoch, so sagt Andreas Förster, habe er an der Sache Schaden genommen – irgend etwas bleibt doch immer hängen. In der Klage gegen Hubertus Knabe heißt es: „Durch die Behauptung ist der Kläger massiv und damit in schwerwiegender Weise in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt worden.“ 20000 Euro also soll das kosten.

Hubertus Knabe ist wie Andreas Förster Mitte 40, vor Gericht steht er viel selbstbewusster da. Förster weiß nicht recht, wohin mit seinen Händen, Knabe lässt die linke lässig in der Hosentasche und ergänzt hin und wieder die Auslassungen seines Anwalts. Hubertus Knabe ist ein Wissenschaftler aus dem Westen, der sich hervorgetan hat durch seine Forschungen zur Stasi-Unterwanderung im Westen. Für die Gedenkstätte in Hohenschönhausen leistet er hervorragende Dienste, weil er einer ist, der weiß, wie Medien funktionieren, wie man sich dort Gehör verschafft. Hubertus Knabe ist nicht besonders vorsichtig, wenn er über Stasi-Verstrickte spricht. Viele Journalisten schätzen ihn dafür.

Dass er mit seinen Talkshowsätzen missverstanden werden konnte, das sei ihm nicht bewusst gewesen, sagte er gestern dem Gericht. Wissenschaftlich gesehen könne aber nach wie vor niemand abstreiten, dass Andreas Förster Stasi-Mitarbeiter war. Knabes Anwalt argumentierte so: Die Äußerungen stünden unter dem Schutz der Meinungsfreiheit, mit der Geldforderung wolle man den Wissenschaftler mundtot machen. Außerdem habe Hubertus Knabe sich später einverstanden erklärt, über Försters Stasi-Mitarbeit nie mehr zu sprechen, ohne den Hinweis, worin die tatsächlich bestand.

Das genügt so nicht, urteilte der Richter. Tatsächlich habe Knabe den schwer ehrverletzenden und falschen Eindruck vermittelt, Förster habe als Offizier oder als IM fürs Mielke-Ministerium gearbeitet. Für die schwere Verletzung des Persönlichkeitsrechts soll Knabe 2500 Euro zahlen, bemessen an seinen Einkünften. Er wird in die Berufung gehen.

Andreas Förster übrigens hat sich damals zum langen Dienst beim Stasi-Regiment bereit erklärt, weil er Journalist werden wollte. Für den begehrten Studienplatz sei so was nötig, dachte er.

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