Zeitung Heute : „Eine gigantische Herausforderung für die Staatengemeinschaft“

Stabile Energieversorgung, Klimaschutz und moderate Kosten müssen Hand in Hand gehen. Kooperation mit Russland bietet Chancen

Sigmar Gabriel

Energie ist die Grundlage unserer wirtschaftlichen Entwicklung - und eine sichere und nachhaltige Energieversorgung ein Schlüsselthema unserer Zeit. Die Energieversorgung Deutschlands ist in hohem Maße von Importen abhängig. Aus dem Ausland kommt unser Uran, 97 Prozent unseres Öls, 83 Prozent unseres Erdgases und 61 Prozent der Steinkohle, die wir verbrauchen. Fest steht: Der weltweite Hunger nach Energie wird weiter wachsen, insbesondere in Schwellenländern wie China oder Indien. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass der Weltenergieverbrauch bis 2030 um rund die Hälfte ansteigen wird.

Auch bei uns sind die Preise für Öl, Gas, Kohle, aber auch für Uran in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Wir wissen, dass alle fossilen Energieressourcen nur begrenzt verfügbar sind. Und wir wissen auch, dass der Hauptgrund für den Klimawandel die Verbrennung fossiler Energieträger ist. Die internationale Staatengemeinschaft steht vor der gigantischen Herausforderung, Energiesicherheit, Kostenstabilität und Klimaschutz in Einklang zu bringen.

Wer in Zukunft eine saubere, sichere und bezahlbare Energieversorgung will, muss jetzt die Weichen stellen: Bis zum Jahr 2020 wollen wir die Energieproduktivität im Vergleich zu 1990 verdoppeln. Erneuerbare Energien sollen einen Anteil von mindestens 20 Prozent an der Stromversorgung erreichen.

Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir unsere Haltung ändern und Abschied nehmen von den Reflexen der Vergangenheit, von Wachstumsfeindlichkeit und Technikskeptizismus. Denn wir können weder den Bewohnern in den so genannten Schwellenländern Bescheidenheit predigen und damit Entwicklungschancen vorenthalten, noch den bei uns lebenden Menschen Konsumverzicht verordnen. Wer die mit Energieverknappung und Klimawandel verbundenen Herausforderungen meistern will, muss auf intelligente Weise den Energieverbrauch und das wirtschaftliche Wachstum entkoppeln.

Eine solche Strategie gelingt nur, wenn wir uns wieder dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zuwenden - und zwar im Bewusstsein, dass wir die Herausforderungen nur mit den innovativen Möglichkeiten der Industriegesellschaft bewältigen werden. Es geht um Innovation im Denken und im Handeln!

Wir brauchen mehr Innovationen, um die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig zu machen und vorhandene Energieressourcen effizienter zu nutzen. Die Bundesregierung hat daher ihre Anstrengungen zur Forschung und Entwicklung in diesen Bereichen deutlich verstärkt. So hat das Bundesumweltministerium die Forschungsmittel für erneuerbare Energien im Jahr 2006 gegenüber 2005 auf gut 83 Millionen Euro fast verdoppelt. Und bis 2009 ist eine Steigerung auf fast 100 Millionen Euro vorgesehen.

Trotz dieser Anstrengungen werden wir auch künftig nicht auf Energieimporte verzichten können. Für die EU wird in den nächsten Jahren mit einem Anstieg der Importquote von heute rund 50 Prozent auf 70 Prozent gerechnet. Die langfristige Sicherung globaler Energieressourcen ist längst ein fester Bestandteil der Außenpolitik vieler Staaten, wie zum Beispiel der USA und Chinas, geworden. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten haben Ende März dieses Jahres vereinbart, einen gemeinsamen außenpolitischen Ansatz für die strategische Energieversorgung der EU zu entwickeln. In diesem Zusammenhang wird die Intensivierung des Dialogs mit Russland ausdrücklich genannt.

Eine intensive Kooperation mit Russland bietet sich dabei im Hinblick auf Klimaschutz und effiziente Energienutzung an. Denn Russland verfügt einerseits über reiche Vorkommen an Öl und Gas und bietet andererseits enorme Potenziale für einen effizienteren Umgang mit diesen Ressourcen. Die Anwendung innovativer Technologien zur Energienutzung und Effizienzsteigerung wird die Reichweite der fossilen Energieressourcen Russlands strecken und zugleich dem Klimaschutz helfen.

Mit der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls hat Russland vor gut einem Jahr einen wichtigen und richtigen Schritt für den weltweiten Klimaschutz getan. Das eröffnet mit den so genannten projektbezogenen Mechanismen ganz praktische Möglichkeiten zum beiderseitigen Nutzen. Denn jetzt können deutsche Unternehmen mit Investitionen in Kohlendioxid mindernde Maßnahmen in Russland preisgünstig zusätzliche Emissionsrechte erwerben und im Rahmen des EU-weiten Emissionshandels nutzen.

Die Möglichkeiten und Chancen der deutsch-russischen Zusammenarbeit gerade auf dem Gebiet der Energienutzung und Energieversorgung sind vielfältig. Wir sollten sie offensiv im Sinne einer strategischen Energiepartnerschaft wahrnehmen. Denn dies nutzt nicht nur unseren beiden Ländern, sondern auch dem Klimaschutz weltweit.

Sigmar Gabriel (47) ist seit Herbst 2005 Bundesminister für Umweltschutz. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsminister ist er für die Energiepolitik der Bundesregierung verantwortlich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!