Zeitung Heute : Eine große Zahl an Programmen soll vor anstößigen Seiten im Netz Schutz bieten - ein Überblick

Monika Ermert

Rund zwanzigtausend Seiten Inhalt gehen täglich online. Nicht einmal die hochgerüsteten Suchmaschinen können das Wachstum im Web noch katalogisieren. Kein Wunder, dass Jugendschützer und Strafverfolger daher nur zu gerne hören, wenn Inhalteanbieter ein globales Filtersystem anbieten. Besonders Kinder und Jugendliche sollen damit vor "Sex and Crime" geschützt werden. "Im Informationszeitalter geht es ohne Filter nicht," sagte Jack Balkin, Professor in Yale und einer der Gutachter beim Internet Content Summit in München. In den USA hat sich bereits ein beachtlicher Markt rund ums Filtern entwickelt.

Eltern, Schulen und Bibliotheken können etwa bei der Organisation "Get Netwise" zwischen 103 Produkten vom Zeitfilter bis zum Babysitter für Netzausflüge wählen. Gefiltert wird entweder nach gefährlichen Schlüsselwörtern wie beim Filterdinosaurier "Cybersitter", der mit seinem kruden Zensurmechanismus aber schon einmal aus "Die Kirche ist gegen homosexuelle Eheschließungen" den kaum im Sinne der Erfinder gedachten Satz "Die Kirche ist gegen Eheschließungen" macht.

Eine zweite Möglichkeit ist die Filterung nach Listen von Internetadressen wie bei "Cyberpatrol". Der Kunde hat dabei noch die Wahl, ob er blockiert haben möchte, was sein Filterlieferant für schlecht befindet, oder ob er überhaupt nur solche Angebote in seinem Browser haben möchte, denen der Filterlieferant das Prädikat "wertvoll" verliehen hat.Für besorgte deutsche Eltern nicht uneingeschränkt zu empfehlen, meint Petra Müller, Leiterin des JugendschutzNet der Bundesländer. Bertelsmann-Gutachter Balkin setzt daher auf das protokollbasierte Filtern mit der vom WorldWideWeb-Konsortium entwickelten Plattform of Internet Content Selection (PICS), einer Art Gütesiegel für das Netz.

Die Stärke der Software, auf der etwa das im vergangenen Jahr mit dem Carl-Bertelsmann-Preis ausgezeichnete RSCAi-Filterprogramm beruht, ist der variable Einsatz unterschiedlicher Bewertungskriterien. Möglich, dass jemand Sex der Stufe drei noch akzeptieren kann, Gewalt aber hundertprozentig ablehnt. Auch Filter für den jeweils regionalen Geschmack sind darauf aufsetzbar. Nun seien die Content-Produzenten gefragt, meinte der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung Mark Wössner beim Gipfel in München.

"Verlegerverantwortung" soll sie dazu bringen, ihre Seiten nach einem Basisvokabular selbst zu beschreiben. Den Filterherstellern in aller Welt soll das die Arbeit erleichtern. Für Balkin wichtig: "Es kann ein global einheitliches Filtersystem geben, aber es muss viele verschiedene Filter geben, weil es keine ideologiefreien Filter geben kann."

Das Ideal der Filterbefürworter ist also die Kombination von Selbstbewertung durch die Anbieter und einem möglichst großen Markt unterschiedlichster Filter nach dem Motto: Lasst hundert Filter blühen. "Ebenso wie Verbraucher nach Preisen, Nährwerten, Inhaltsstoffen, Sicherheitshinweisen oder sonstigen Produktinformationen schauen, sollten sie ähnliche Metainformationen zu Webseiten abfragen," sagt Esther Dyson. Die Internetexpertin warnte davor, dass am Ende eine weltweite Bürokratie entstehe, die dem Kunden die Vorentscheidungen darüber, was er sehen will, abnehme.

Mehrere Bürgerrechtsbewegungen warnten angesichts der Vorschläge auch davor, dass Selbstbewertung und Filter von Staaten aus politischen Gründen eingesetzt werden. Zwar heißt es im Memorandum der Bertelsmann-Stiftung ausdrücklich, "niemanden sollte von staalicher Seite ein Filtersystem aufgezwungen werden, noch sollten Anbieter, die ihre Websites nicht klassifizieren, mit Sanktionen rechnen". Doch schon wird aus Staaten wie Korea den Providern bei Strafe das Filtern vorgeschrieben. Aus verantwortungsvollen Eltern können dann bevormundete Bürger werden.

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