Zeitung Heute : „Eine gute Frau weiß, wie sie wirkt“

Wann ist ein Mann ein Mann? Charles Schumann hat da ein paar Tipps: Immer wieder neu anfangen, vor dem Duschen nie in den Spiegel schauen – und bei Liebeskummer Champagner auf Eis trinken. Interview: Christoph Amend und Stephan Lebert; Foto: Heinz Gebhardt

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Charles Schumann, 62, aufgewachsen in der Oberpfalz, führt in München seit über 20 Jahren das nach ihm benannte „Schumann’s“, die bekannteste Bar der Republik. An diesem Sonntag eröffnet die Bar am neuen Ort und zieht in die ehemalige „Käfer“Gastronomie am Hofgarten. Schumanns Cocktailbücher, in Deutschland verlegt bei Heyne, haben sich weltweit mehrere hunderttausend Mal verkauft. Nebenbei arbeitet er als Model für den Modekonzern Hugo Boss.

Herr Schumann, eigentlich heißen Sie Karl. Warum nennen Sie sich Charles?

Das ist einfach so gekommen, weil ich lange in Frankreich gelebt habe. Da wird Karl zu Charles. Heute finde ich das blöd, ich würde mich nie mehr so nennen.

Karl?

Vielleicht Carlo. Das würde mir gefallen. Carlo Schmid…

…der Politiker und SPD-Vordenker…

…war für mich ein großer Held. Ich hatte eines mit ihm gemeinsam: Wir haben beide mal länger in Perpignan gelebt, ich kannte ihn auch persönlich.

Was gefiel Ihnen an Schmid?

Sein Horizont, seine Internationalität, er war ein Weltmann. Das ist genau das, was mir hier in München oft fehlt. Ich will gar nicht bösartig sein, aber in München hat man es schon sehr oft mit einer großen Engstirnigkeit zu tun. Deshalb möchte ich aus München eigentlich immer weg.

Charles Schumann sitzt gegen 16 Uhr in der Sonne an diesem späten Herbsttag vor seiner gleichnamigen Bar an der Maximilianstraße, dort also, wo München am münchnerischsten ist. Schicke Geschäfte, schicke Restaurants, schicke Menschen. Ein paar Tage darauf wird er seine Bar an diesem Ort schließen, um sie ein paar Straßenzüge weiter, am Münchner Hofgarten, weit größer wieder neu zu eröffnen. Er trinkt Kaffee und Wasser. Man muss sich die Szene ein bisschen wie in einem französischen Film vorstellen: Gelegentlich begrüßt er Passanten, eher mit einem Nicken als mit einem Wort, ziemlich lässig. In eineinhalb Stunden wird seine Bar öffnen.

Sie waren Ende 20, als Sie nach Frankreich gegangen sind. Warum?

Ich wollte immer Französisch lernen, ich hatte in Montpellier Freunde, die dort Lokale betrieben. Ich ging da hin und studierte Literatur, nebenbei jobbte ich in der Gastronomie.

Daraus wurde mehr: Sie haben bald in Frankreich und Spanien Lokale und Clubs geleitet. Wie kam das?

Das hat sich so ergeben. Ich habe nie eine Entscheidung getroffen: So, jetzt werde ich Gastronom. Es war Zufall. Ich jobbte als Kellner, Barkeeper, dann fragte jemand, ob ich vielleicht auch Lust zu mehr hätte.

Was waren das für Clubs?

Discotheken, im Stil von den Läden wie sie heute auf Ibiza sind. Da ging die Post ab, das kann ich euch sagen. Das war Leben wie in einem Rauschzustand. Bis morgens um sechs hat man gearbeitet, dann gingen wir frühstücken. Im Bahnhof in Montpellier beispielsweise gab es ein spezielles Frühstückslokal, da traf sich alles, was die Nacht übrig gelassen hatte: Kleingangster, Zuhälter. Da ging es rund.

Rund?

Na ja, wie das eben mit solchen Menschen ist, man wurde bedroht, es gab viel Ärger. Ich habe damals früh gelernt, wie man am besten damit umgeht: Man muss das Gefühl ausstrahlen, ihr könnt mich alle, ihr seid mir egal. Dann wirst du nicht angegriffen. Außerdem: Wenn du in einer fremden Sprache beschimpft wirst, berührt dich das eh nicht so.

Fasziniert Sie das Rotlicht-Milieu?

Überhaupt nicht, das ist gar nicht mein Ding. Ich finde Bordelle nicht faszinierend und Zuhälter auch nicht. Ich habe mal ein halbes Jahr lang einen Striptease-Club in einem spanischen Spielcasino geführt. Ich hatte einen Barkeeper aus Asien, der kein Geschlecht hatte. Und da saß man abends immer mit den zwölf großartigen Mädels zusammen, die alle nach Paris wollten, um dort groß rauszukommen. Die dachten sich ein Superprogramm aus – und die reichen Spanier mit ihren Mätressen fanden das auch alles ganz toll. Mein Ding war es nicht. Es war Arbeit, nicht mehr.

Sie sprechen von einer Rauschzeit: Waren diese Jahre auch von Drogen, von Alkohol geprägt?

Drogen bei mir nicht. Alkohol, klar, auch Gauloises. Aber ich habe bald kapiert, dass Alkohol für einen Gastronom nicht geht. Der beste Barkeeper, den ich je hatte, ist vor mir zusammengebrochen, der Alkohol hatte ihn fertig gemacht. Wenn ich heute überhaupt was trinke, ist es am Abend ein Glas Champagner und später einen Whiskey.

Apropos Getränke: Wir reden ja schließlich mit Deutschlands bekanntestem Barmann und möchten in diesem Gespräch auch etwas lernen. Wenn man beispielsweise den ersten Abend in einer fremden Stadt ist – welchen Drink würden Sie empfehlen?

In einer guten Bar: Bloody Mary oder einen Whiskey sour.

Wenn Sie zurückdenken an diese Jahre damals…

…tue ich das mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits war die Zeit in Ordnung. Ich spreche deswegen sehr gut französisch und spanisch. Andererseits aber denke ich, dass ich diese Jahre besser für mich hätte nutzen können. Ich hätte mehr lesen sollen, mehr studieren, mehr lernen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe meine Zeit in all diesen Läden verschwendet.

Ein junger Typ, so 16, 17 Jahre alt, kommt heran und fragt Schumann, ob er vielleicht Marvin, Schumanns Sohn, vom Flughafen abholen könne. Er sagt: Okay, dann holst du ihn ab. Hast du seine Handynummer? Marvin, 17, lebt seit zwei Jahren in einem englischen Internat, kommt nur in den Ferien nach Hause. Der Typ fragt dann noch, ob er in den nächsten Abenden mal an der Bar mit aushelfen könne. Klar, sagt Schumann, komm vorbei.

War das eine leichte Entscheidung, Ihren Sohn in ein englisches Internat zu schicken?

Nein, diese Entscheidung ist mir furchtbar schwer gefallen. Aber es musste sein. Ich habe meinen Sohn ja alleine großgezogen, und jahrelang hatte ich das Gefühl, dass das ziemlich gut gegangen ist, obwohl ich immer so wenig Zeit hatte. Aber plötzlich fingen die Schulschwierigkeiten an, und ich hatte das Gefühl, er läuft mir aus dem Ruder. Und wissen Sie, ich sehe hier in meiner Bar genügend Leute, die nichts fertig gemacht haben und irgendwie ziellos herumhängen. Das wollte ich auf keinen Fall.

War Ihr Sohn einverstanden mit der Entscheidung?

Natürlich nicht. Er hat mir vorgeworfen, ich wollte ihn abschieben. Was ich mir einbilde, ihn von seinen Freunden wegzunehmen. Undsoweiter. Es war ein richtiger Kampf. Wir sind zusammen nach England gefahren, die Nacht vorher haben wir in irgendeiner Pension verbracht. Wir haben zusammen geweint, keine Minute geschlafen. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens. Ich habe ihm am Morgen die Krawatte gebunden und gesagt, komm, jetzt mach mal sechs Wochen, und dann siehst du weiter. Dann hat er irgendwann gesagt, okay, dieses eine Jahr, aber dann ist Schluss. Na ja, ich glaube, die Entscheidung war richtig. Und er sieht es vielleicht auch irgendwann so.

Herr Schumann, Sie sind 62 Jahre alt. Sie sehen jünger aus.

Ich weiß das nicht. Manchmal fühle ich mich wie 50, manchmal wie 100, aber das eher selten. Im Prinzip fühle ich mich jünger als ich bin. Das liegt an meiner Lebenseinstellung: Ich versuche immer wieder was Neues.

Jetzt die neue Bar, die an diesem Sonntag eröffnet wird.

Ich habe da all mein Geld drin, wenn es nicht läuft, bin ich pleite. Ich gehe volles Risiko. Von den Banken habe ich keine Mark bekommen, die haben hinter vorgehaltener Hand gesagt: Spinnt der? Kann der sich mal sein Geburtsdatum anschauen?

Sind Sie ein Spieler?

Nein, ich habe früher ab und zu Poker gespielt. Auch um Geld, aber nie um viel. Glücksspiel war für mich nie eine Gefährdung.

Mögen Sie Ihr Gesicht?

Eigentlich schon. Es gibt Momente, da schaue ich mich gerne an. Aber es gibt auch Momente, da weiß ich ganz genau, jetzt darfst du dich nicht anschauen. Nachts zum Beispiel, wenn ich heimkomme oder morgens vor dem Duschen gehe ich jedem Spiegel aus dem Weg. Ich dusche immer kalt, eine halbe Stunde lang. Danach, beim Haarekämmen, geht’s dann wieder. Manchmal denke ich, ich sollte was ändern an meinem Äußeren. Das Erste, was ich eigentlich machen müsste: zum Friseur gehen, Haare kurz schneiden. Das wäre viel praktischer.

Und warum machen Sie es nicht?

Ich kann das nicht mehr, weil die Haare zu meinem Markenzeichen gehören. Ich werde ja mindestens zweimal im Jahr für größere Kampagnen fotografiert.

Ihre Model-Karriere hat früher begonnen…

Ich habe vor 20 Jahren als Model gearbeitet, für Yohji Yamamoto und Comme des Garçons. Ich weiß noch, wie einmal ein paar der Models nach Japan eingeladen wurden, um bei einer Schau mitzulaufen, darunter auch Prominente. Jedenfalls endete ich mit dem Dennis Hopper…

…der eigentlich Schauspieler ist…

…in irgendwelchen Tempeln in Kyoto. Der war da ganz der typische Amerikaner, hatte eine Videokamera dabei und war eifrig bei der Sache. Beim siebenten oder achten Tempel habe ich zu ihm gesagt: Dennis, du mit deinen Tempeln, das wird mir jetzt zu anstrengend, ich leg mich ins Gras.

Das „New York Times Magazine“ widmete Ihnen eine 13-seitige Modestrecke, das Hollywood-Fachblatt „Variety“ nennt Ihre Bar „the thinking man’s waterhole“. Aber der Höhepunkt muss für Sie der Film „L.A. Confidential“ gewesen sein, mit Kim Basinger und Kevin Spacey.

Darauf hat mich der befreundete Filmkritiker Michael Althen aufmerksam gemacht. Es gibt da eine Szene, wo Holzkisten mit Alkohol aus einem Liquorstore herausgetragen werden, und auf diesen Kisten steht der Schriftzug meiner Bar. Das hat mich schon sehr gefreut. Später habe ich erfahren, dass der Regisseur Curtis Hanson mein Cocktail-Buch gemocht hat und mir einen Gruß schicken wollte.

Ein zentraler Spruch Ihrer internationalen Werbekampagne lautet: What separates the men from the boys. Also, Herr Schumann: Was unterscheidet die Männer von den Jungs?

Weiß ich nicht.

Was ist für Sie männlich?

Weiß ich nicht. Mit solchen Fragen kann ich nichts anfangen.

Was wären Sie lieber: mutig oder furchtlos?

Furchtlos. Ganz klar. Mutig bedeutet ja immer, dass man sich überwinden muss. Darauf würde ich gerne verzichten.

Lassen Sie uns über Frauen reden.

Über Frauengeschichten sollte man nie sprechen. Da bekommt man immer nur Ärger.

Wann waren Sie zum ersten Mal verliebt?

Mit 15. In eine Friseuse, das weiß ich noch ganz genau. Alle wollten diese Frau haben und ich auch. Aber der Metzger hat sie uns weggeschnappt. Der hat einen dicken Mercedes gefahren.

Was mögen Sie an Frauen?

Eine gute Frau weiß, was sie anzieht. Sie weiß, wie sie wirkt. Am schlimmsten finde ich bei Frauen wie bei Männern, wenn sie auf ewig jung machen. Wenn man nicht in Würde altern kann.

Sind Sie von Frauen verletzt worden?

Die schlimmste Verletzung war für mich, als meine Frau damals von einem Tag auf den anderen zurück nach New York gegangen ist und mich mit Marvin alleine gelassen hat. Das war schon ziemlich hart. Heute muss ich sagen, wenn ich damals meine Arbeit nicht gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich baden gegangen. Die Arbeit hat mir geholfen. Ich habe auch mit Leuten darüber geredet, ich bin keiner, der alles in sich hineinfrisst. Und heute sage ich im Rückblick: Ich bin schon ein bisschen stolz, dass mein Sohn und ich das zusammen irgendwie hinbekommen haben.

Sie sind danach nie wieder eine längerfristige Beziehung eingegangen.

Bei meinem Leben ist das besser so.

Noch eine Frage an den Barkeeper: Welchen Drink empfehlen Sie bei Liebeskummer?

Champagner auf Eis.

Erzählen Sie uns von Ihrem Alltag.

Ich stehe jeden Tag um halb acht auf und gehe ungefähr um zwei Uhr nachts ins Bett. Wenn ich alleine bin, mache ich vorher noch eine Stunde Musik, dann setze ich mich ans Klavier. Morgens bin ich bis zum frühen Nachmittag in meiner Tagesbar, dann gehe ich rüber in die andere Bar. Am Samstag habe ich meistens frei. Das genieße ich sehr. Ich mache dann hauptsächlich Sport: Ich laufe, ich boxe, spiele Fußball mit meinen Freunden aus Togo. Und dann habe ich endlich Zeit, mal was zu lesen.

Sind Sie manchmal einsam in Ihren Bars?

Nein, überhaupt nicht. Wir alle, die hier arbeiten, wären sehr einsam, wenn wir unsere Arbeit nicht mehr hätten. Das ist ein unglaublich wundervoller Ort, alleine zu sein und doch nicht alleine zu sein. Bei einer Hotelbar kann das problematisch sein, die sind oft zu klein, da muss man sich den Schmarrn der Leute anhören. Wenn man nicht will, muss keiner reden, keiner zuhören. Und wenn mich etwas nervt, gehe ich in die Küche und koche was.

Was kann man als Kellner in einer Bar falsch machen?

Die größte Gefahr ist, dass man zu devot ist. Die zweitgrößte: Man bringt dem Gast zu wenig Respekt entgegen. Das soll nicht heißen, dass der Kunde König ist, davon halte ich nicht so viel. Auch der Gast muss sich benehmen, und wenn er ein Idiot ist, dann sage ich ihm das auch, und ich habe deswegen keine schlaflose Nacht. Früher war ich da brutaler, heute achte ich in der Regel sehr darauf, niemanden zu beleidigen. Das ist mir sehr wichtig.

Aus Ihnen ist ein Workaholic geworden. Wenn man sich Ihren Lebensweg anschaut, war das nicht unbedingt vorprogrammiert.

Das kann man so sagen. Ich bin ja auf dem Land in Bayern aufgewachsen. Da ging es immer darum, sich möglichst wenig anzustrengen. Meine liebste Beschäftigung war Fischen und Faulenzen.

Waren Sie kein Rebell, kein James Dean?

Nein. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen, da wusste keiner was von James Dean. Mein Vater ist ein Bauer, ein kluger, aber sehr einfacher Mann. Meine Mutter musste sechs Kinder irgendwie durchbringen. Da bleibt nicht viel Zeit für theoretische Diskussionen.

Sie waren nach der Schule ein paar Jahre beim Bundesgrenzschutz. Dann beim Auswärtigen Amt, haben Ihr Abitur nachgemacht und Politikwissenschaften studiert. Danach begann in Frankreich Ihr gastronomisches Leben. Hatten Sie jemals in Ihrem Leben einen Plan?

Nie. Wenn ich einen hatte, wurde meistens nichts draus. Bei mir lief es anders: Etwas wurde an mich herangetragen, erst habe ich mich dagegen gewehrt, dann habe ich es gemacht – und zwar so gut und intensiv, wie ich konnte. So kam eins zum anderen.

Und jetzt? Ist Ihre neue Bar vielleicht die letzte Station?

Nein. In ein paar Jahren würde ich gerne eine Bar in San Sebastian eröffnen. Das ist ein schöner Platz für mein Alter. Und ich möchte bald mal für ein paar Monate nach Tokyo gehen, um in einem Restaurant dort zu arbeiten. Ich will zuschauen und lernen. Nirgendwo auf der Welt wird besser gekocht als in Japan.

Vorletzte Frage: Der Winter steht vor der Tür – was trinkt man da am besten?

Whiskey Hot Toddy.

Letzte Frage: Angenommen Sie dürften in einem Film die Hauptrolle spielen, wer möchten Sie sein?

Das wüsste ich genau. Ein alter Polizeikommissar, der seit der Pensionierung alleine und etwas runtergekommen in Neapel lebt. Doch dann wird er nochmal reaktiviert – für einen besonders schwierigen Fall.

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