Zeitung Heute : Eine haarige Frage

Der Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Des Kanzlers Haupt bewegt die Gemüter – und bald wohl auch die Gerichte. Denn Schröder geht rechtlich gegen die Agentur ddp und die Zeitschrift „Gala“ vor, die ihm unterstellt hatten, er färbe seine Haare. Es geht schließlich um Jugendlichkeit, zugleich jedoch auch um das Echte, das Glaubwürdigkeit signalisiert.

Beides war in Sachen Haar nicht immer gefragt: Es war einmal eine Zeit, da wollten alle Würdenträger unechte weiße Haare. In Frankreich musste das Pudern der Haare und Perücken im Jahr 1740 sogar verboten werden. Im Lande herrschte Hungersnot, und das ist nicht die richtige Zeit, um feingemahlenes Weizenmehl in größeren Mengen für kosmetische Zwecke zu verpulvern.

Doch schon einige Jahre nach dem Verbot war das Volk wieder satt und hatte erneut Anlass, sich über die „absurde Sitte, dem Haar seine natürlich Farbe zu rauben" aufzuregen: Es wurde wieder heftig gepudert.

Immer mehr Männer machen mit

Auch heute wird dem Haar seine natürliche Farbe massenweise „geraubt": 40 Prozent der Frauen tun es, und die Männer ziehen nach. Bei fünf Prozent sind sie angeblich schon angekommen – bezogen auf den Anteil in der Bevölkerung, nicht auf den der Haare des Schopfes.

Ob die Zahlen zuverlässig sind, ist allerdings die Frage. Denn vor allem die Männer lassen sich immer noch nicht so gern in die Farb-Karten gucken. Im Gegensatz zum aristokratischen 18. Jahrhundert ist heute bei den Männern der Kampf gegen die weißen Haare häufigster Grund für das Färben.

Und das Ergebnis soll, ebenfalls im Unterschied zu damals, möglichst natürlich wirken. Geht es doch darum, eine typische Alterserscheinung optisch aufzuhalten: Haare erscheinen „grau", wenn sie von einzelnen weißen Fäden durchzogen werden, im höheren Alter sind sie bei vielen Menschen komplett weiß.

Wie kann es dazu kommen? Der sichtbare Teil eines Haars ist ein röhrenförmiges Horngebilde, in das die Farbpigmente eingelagert sind. Sie werden weiß, wenn die pigmentbildenden Zellen, die unter der Kopfhaut in der Haarzwiebel liegen, ihre Aktivität einstellen. Zuvor haben diese Zellen dem Individuum jahrzehntelang zu seiner ganz persönlichen Haarfarbe verholfen, indem sie dafür sorgten, dass aus der Aminosäure Tyrosin in einer Reihe von Oxidationsschritten das Pigment Melanin gebildet wurde. Eumelanin verursachte dabei blonde, braune und schwarze Mähnen, Phäomelanin die selteneren roten Haarschöpfe.

Wann die Pigment-Zellen ihren Dienst einstellen und wie lange auf einem Kopf noch parallel beide Typen von Haaren gebildet werden, die farbigen und die weißen, ist bekanntlich recht verschieden. Einfluss auf das frühe oder späte Ergrauen haben hauptsächlich die Gene.

Als einfache Faustregel nennt der Dermatologe Johann Sperl, der an der Charité die Haarsprechstunde abhält: Mit 50 Jahren haben 50 Prozent der Weißhäutigen 50 Prozent weiße Haare. Der Bart ergraut früher, und erste weiße Haare an den Schläfen machen sich im Durchschnitt schon mit 35 bemerkbar. Doch das sind nur ungefähre Werte, und mancher 70jährige ist stolz auf seine braunen Locken.

Leiden die Haare, wenn man ihnen die verlorene Farbe nun künstlich wiedergibt? Vorübergehend kann das durchaus der Fall sein: „Beim konventionellen Färben auf alkalischer Basis muss die Schuppenschicht abgespreizt werden, um die Farbe einzuschleusen. Wenn man das häufig wiederholt, leidet der Haarschaft, das Haar kann spröde und brüchig werden." Doch Sperl ergänzt: „Die Haarwurzel ist davon nicht betroffen, das Haarwachstum wird auf Dauer nicht beeinträchtigt."

Anders ist das, wenn durch das – unsachgemäße – Färben auf der Kopfhaut massive Entzündungen oder Kontaktekzeme und Verätzungen entstehen. Sie können zu Narbenplatten führen, auf denen kein Haar mehr wächst.

Der Wilmersdorfer Friseur Carsten Timm, „Spezialist für Businessfrisuren und Haarfarben", rät seinen ergrauenden Kunden freilich aus einem anderen Grund meist davon ab, das sich ausbreitende Weiß flächendeckend zu übertönen: „Oft kommt ein unnatürlicher Braunton dabei heraus. Ich rate deshalb eher zu dunklen Strähnen." Auch den „Farbwiederherstellern" oder „Grauausblendern", die seit einiger Zeit auf dem Markt sind und graue Haare allmählich überdecken sollen, steht er skeptisch gegenüber: „Ich habe sogar schon einige Kunden gesehen, bei denen dadurch ein Grünstich entstand." Dann kommt der Coiffeur auf einen seiner Stammkunden zu sprechen, einen Herrn Ende 50. „Er ist eher blass und hat feine braune Haare, von denen viele denken, sie seien gefärbt, dabei ist alles echt." Nein, dieser Herr ist kein Polit-Prominenter, doch für Timm ist er dennoch ein gutes Beispiel: „Als Friseur hat man einfach einen Blick dafür, was natürlich ist. Und ich bin sicher, auch unser Kanzler ist dieser Haartyp, der erst spät ergraut."

Nie über Nacht

Eines steht fest: Haare werden früher oder später, doch niemals „über Nacht" grau, etwa wegen eines großen Kummers oder Schreckens. Zwar kann es so scheinen, wenn eine diffuse Form des „kreisrunden Haarausfalls" vorliegt, der nur die pigmentierten Haare trifft. Dann fallen ihre weißen Kollegen um so mehr auf.

Doch der von Grimmelshausen im „Simplicissimus" beschriebene Mann, der, „wiewohl er den Abend als ein dreißigjähriger Mann mit schwarzen Haaren zu Bette gegangen sei", am nächsten Morgen mit weißem Bart und grauem Haar erwachte, gehört ins Reich der Legende. Wie manches, was sich ums Thema Haarfarben rankt – neuerdings wohl bevorzugt beim männlichen Geschlecht.

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