Zeitung Heute : Eine Handreichung 400 Experten haben an einem Report

zur Welternährung gearbeitet. Ihr Ergebnis: So kann es nicht weitergehen. Was läuft in der Landwirtschaft schief?

Harald Schumann

Nach dreijährigen Beratungen haben rund 400 Agrarexperten und die Vertreter von 64 Regierungen einen Welt-Report zur Zukunft der Landwirtschaft verabschiedet. Am Dienstag wurde er vorgestellt.

Welche Maßnahmen fordern die Fachleute

zur Sicherung der Welternährung?

Die Ausrichtung der Agrarpolitik auf die Steigerung der Produktion um jeden Preis habe zu gravierenden Fehlentwicklungen geführt, urteilen die Experten. Die industrielle Landwirtschaft mit einem hohem Einsatz an Chemikalien und energieaufwändigen Düngemitteln trage stark zum Verlust fruchtbarer Böden und zur Verschärfung des Klimawandels bei. „35 Prozent der ernsthaft degradierten Böden der Erde wurden durch die Landwirtschaft geschädigt“, heißt es in dem Abschlussbericht. Gleichzeitig begünstige der industrielle Landbau vor allem Großbetriebe. Darum sei er für viele arme Länder und deren großteils kleinbäuerliche Bevölkerung nicht geeignet. Forschung sowie Handels- und Entwicklungspolitik müssten grundsätzlich neu ausgerichtet werden, fordern die Agrarexperten. Höchste Priorität müsse die Förderung von Anbaumethoden haben, die den ökologischen und sozialen Bedingungen der jeweiligen Region angepasst seien. Das Fachgremium lehnt damit die bisherige Politik der Industriestaaten und der von ihnen gelenkten Weltbank klar ab. Diese setzten bislang vorrangig auf die Industrialisierung der Landwirtschaft mit dem Ziel der Exportproduktion. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, kann die Weltbevölkerung im nächsten halben Jahrhundert nicht mehr ernährt werden“, warnt Robert Watson, Leiter des Projekts und Chefwissenschaftler der britischen Regierung. Gefordert sei nicht weniger, als eine „zweite Grüne Revolution, die den Menschen hilft und nicht wie bisher gegen, sondern mit der Natur arbeitet“, sagt der Landwirtschaftsexperte Benedict Härlin, der für Greenpeace an den Beratungen teilnahm.

Welchem politischen Ziel dient

die Arbeit dieses Weltagrarrates?

Die „Internationale Bewertung von Agrarwissenschaft und Technologie für Entwicklung“ (IAASTD), wie das Unternehmen offiziell heißt, wurde 2004 auf Initiative der Weltbank eingerichtet. Ziel war und ist eine weltweite Verständigung zwischen allen wichtigen Akteuren darüber, wie Forschung und Politik die Bauern in Entwicklungsländern am besten dabei unterstützen können, die von Armut betroffene Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen. Ein solcher Konsens ist vor allem für die Weltbank und die Welternährungsorganisation (FAO) wichtig, die weltweit die Arbeit der internationalen Agrarforschungszentren koordinieren. Gleichzeitig wollen die Initiatoren erreichen, dass auch die Entwicklungspolitik der Wohlstandsländer besser auf die Sicherung der Ernährung ausgerichtet wird. Robert Watson, damals noch Forschungschef der Weltbank, hatte zuvor für die UN bereits den Internationalen Klimarat (IPCC) organisiert, der regelmäßig den Stand der Klimawissenschaft zusammenträgt. Die Suche nach einem Konsens in Agrarfragen betrieb Watson noch intensiver als „gigantisches soziales Experiment“, wie er selbst sagt. Nicht nur Regierungen durften ihre Fachleute benennen – auch die Experten aus der Agrar- und Gentechnikindustrie und genauso die von Bauern-, Verbraucher- und Umweltorganisationen wurden mit den gleichen Rechten beteiligt. Erstmals floss damit auch das Erfahrungswissen der Bauern selbst in die Beratung ein. Die breite Beteiligung sollte dabei helfen, den klassischen Streit um Ökologie und Gentechnik in der Landwirtschaft beizulegen. Doch dieses Vorhaben ist misslungen.

Welchen Beitrag kann die Gentechnik

zur Bekämpfung des Hungers leisten?

Auf diese Frage geben die Fachleute des IAASTD keine abschließende Antwort. Es sei „unklar, ob die gefundenen Vorteile auf die meisten Agrarökosysteme übertragbar und dauerhaft sind“, schreiben die Autoren des Berichts. Kritisch sehen die Agrarberater vor allem, dass Saatgut aus gentechnisch veränderten Pflanzen stets mit teuren Patentgebühren verbunden ist. Dies schaffe für Entwicklungsländer „prohibitive Kosten“ und verhindere die Weiterentwicklung von Saatgut durch die Bauern und öffentlich finanzierte Forscher. Das untergrabe „lokal übliche Anbaumethoden, die die Nahrungssicherheit stärken“, moniert der Agrarrat. Weil die große Mehrheit der Teilnehmer diese kritische Haltung einnahm, zogen Konzerne der Agrarchemie wie Monsanto und Bayer kurz vor Schluss ihre Wissenschaftler ab. Trotz zahlreicher Kompromissformulierungen verweigerten am Ende auch die Regierungen der Agrarexportländer USA, Kanada und Australien dem Bericht ihre Zustimmung. Die Bundesregierung hatte von vornherein die Mitarbeit abgelehnt, weil das Entwicklungsministerium das Vorhaben für unnötig hielt.

Was soll sich beim Handel

mit Agrarprodukten ändern?

Besonders kritisch sehen die Experten, dass viele Entwicklungsländer auf Druck der Industriestaaten „ihre Landwirtschaft für den internationalen Wettbewerb zu schnell und zu weit geöffnet haben“. Dies habe wegen der subventionierten Importe aus dem Norden „langfristige negative Folgen für Armut, Ernährungssicherheit und Umwelt“ gehabt. Nötig sei eine Reform des Agrarhandels, die den Entwicklungsstand berücksichtige und die Situation von Kleinbauern verbessere.

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