Zeitung Heute : Eine Heimat für die Juden – aber nicht unbedingt ein jüdischer Staat

Einstein warb für eine Hebräische Universität in Jerusalem – und wünschte sich eine Aussöhnung mit der arabischen Bevölkerung

Ze’ev Rosenkranz

Albert Einstein wurde in eine assimilierte deutsch-jüdische Familie hineingeboren, die nicht strenggläubig war. Gleichwohl erhielt er zu Hause jüdischen Religionsunterricht, und seine Familie scheint ihm einen starken Sinn für jüdische Identität mitgegeben zu haben. Als er 1911 eine Berufung an die Deutsche Universität in Prag erhielt, gab er sich als „konfessionslos“ aus. Erst als die österreichisch-ungarische Verwaltung darauf beharrte, er müsse seine Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung erklären, gab er nach und bekannte sich als Angehöriger des „mosaischen“ Glaubens.

Einsteins erste öffentliche und dokumentierte Aktion, die mit der zionistischen Bewegung zusammenhängt, ist seine Teilnahme im Dezember 1918 an einem vorläufigen Komitee zur Einrichtung eines jüdischen Kongresses in Deutschland, das von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) mit initiiert wurde. Verschiedene Faktoren spielten bei dieser radikalen Veränderung von Einsteins Standpunkt mit. Erstens war Einstein ähnlich wie andere deutsch-jüdische Intellektuelle seiner Generation tief betroffen von dem Elend der osteuropäischen jüdischen Flüchtlinge nach dem Ersten Weltkrieg und durch die darauffolgende neue Welle des Antisemitismus in Deutschland. Vor allem bewegte ihn die Not der osteuropäischen jüdischen Studenten, die verschiedensten Restriktionen ausgesetzt waren. Einstein zählte außerdem zu den wenigen deutschen Gelehrten, die sich gegen den Krieg ausgesprochen hatten, und spürte von daher eine starke Entfremdung von der deutschen Gesellschaft. In dieser Zeit gab es auch Turbulenzen in seinem persönlichen Leben, die möglicherweise zur Wendung in seinen ideologischen Orientierungen mit beigetragen haben. Er ließ sich von seiner ersten Frau Mileva scheiden; der Zugang zu seinen Söhnen, die mit Mileva in der Schweiz lebten, war wegen des Kriegs verhindert; seine Mutter war von Anfang 1919 an unheilbar krank und starb Anfang des darauffolgenden Jahres. Einstein muss sich in dieser Zeit ziemlich verwundbar gefühlt haben.

Vielleicht war es diese Verwundbarkeit, die Kurt Blumenfeld einen Ansatzpunkt lieferte. Blumenfeld war der Kopf der Propaganda-Abteilung der ZVfD. In seinen Memoiren beschreibt Blumenfeld, wie er Einstein für den Zionismus mobilisiert habe. Angesichts der politischen Entwicklungen in Palästina nach dem Ersten Weltkrieg stellten er und ein weiterer Führer der zionistischen Bewegung, Felix Rosenblüth, eine Liste deutsch-jüdischer Intellektueller auf, die sie für die zionistische Sache gewinnen wollten. Im Februar 1919 lud Blumenfeld Einstein zu einem seiner Vorträge ein. Nach dem Vortrag bemerkte er eine „Verwandlung“ bei Einstein, als dieser die Bemerkung fallen ließ: „Ich bin gegen Nationalismus, aber für die zionistische Sache.“

Doch datiert das erste Dokument aus dieser Zeit, welches diese Verwandlung in Einsteins Ansichten belegt, bereits vom März 1919. Damals schrieb Einstein an seinen Kollegen und Freund Paul Ehrenfest, nachdem er sich über die reaktionäre Politik in Deutschland beklagt hatte: „Am meisten freut mich die Realisierung des jüdischen Staates in Palästina.“

In der Zwischenzeit wuchsen innerhalb der Zionistischen Organisation (ZO) in London die Pläne zur Errichtung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Im Oktober 1919 schrieb Einstein an den Physiker Paul Epstein: „Mir liegt die zionistische Sache sehr am Herzen“, und er habe sich jüngst mit zionistischen Funktionären getroffen. Sein besonderes Interesse galt dem Projekt der Errichtung einer Hebräischen Universität. Im selben Monat wurde Einstein von der ZO eingeladen, an einer Konferenz jüdischer Gelehrter teilzunehmen, die die zionistischen Pläne für die Universität besprechen sollten. Einstein sagte zu und sprach sogar Empfehlungen aus, welche weiteren jüdischen Wissenschaftler aus Europa daran teilnehmen sollten.

Im Monat darauf wurde Einstein international berühmt, als in der anglo-amerikanischen Presse in sensationellen Schlagzeilen die Bestätigung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie verkündet wurde. Den Zionisten in London entging das nicht, für manchen von ihnen war Einstein jetzt „der Held des Tages“.

Es gab mehrere Gründe für Einstein, das Projekt einer Hebräischen Universität zu unterstützen. Erstens und hauptsächlich sah er darin einen Zufluchtsort für osteuropäische jüdische Studenten. Zweitens war er sich dessen bewusst, dass seine neulich erworbene Berühmtheit dem Projekt nützlich sein könnte. Drittens hatte er großes Interesse an der Errichtung einer Hebräischen Universität, weil es ein akademisches Projekt war, und intellektueller Ehrgeiz war für Einstein ein wichtiges jüdisches Ideal.

Der nächste große Schritt in Einsteins Engagement für bestimmte zionistische Anliegen war die gemeinsame Reise mit Chaim Weizmann, dem Oberhaupt der Zionistischen Organisation, in die Vereinigten Staaten 1921. Offizieller Anlass der Reise war es, Gelder für die geplante medizinische Fakultät an der Hebräischen Universität aufzutreiben. Es gab aber noch weitere Gründe für den Besuch, beispielsweise Einsteins Wunsch, sich mit amerikanischen Kollegen zu treffen und für die Verbreitung seiner wissenschaftlichen Theorien in den Vereinigten Staaten zu sorgen.

Im Februar 1923 besuchten Einstein und seine Frau auf der Rückreise aus dem Fernen Osten auch Palästina. Während des zwölftägigen Aufenthalts reisten sie im ganzen Land herum und Einstein wurde königlich behandelt und als zionistischer Held bejubelt. In Jerusalem hielt Einstein am künftigen Sitz der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg einen Vortrag, der als wissenschaftliche Inauguralvorlesung der Universität angesehen wird. Einstein sah in Palästina hauptsächlich einen Zufluchtsort für osteuropäische Juden. Er hatte nicht die Erwartung, dass sich die Mehrheit der Juden aus dem Westen dort ansiedeln sollte, ihn selbst eingeschlossen. Er sah in Palästina ein künftiges geistiges Zentrum des Weltjudentums, das dessen kulturelle Identität und sozialen Zusammenhalt stärken sollte. Wenn er sich in der Zeit vor dem Holocaust auf eine nationale Entität in Palästina bezog, meinte er zumeist eine Heimat für die Juden, nicht unbedingt einen jüdischen Staat.

1925 wurde Einstein zum Mitglied des ersten Verwaltungsrats der Hebräischen Universität ernannt und zum Vorsitzenden ihres ersten Akademischen Rats. Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre traten größere Meinungsverschiedenheiten zwischen Einstein und dem Universitätskanzler Judah L. Magnes über die Leitung der Universität auf. Einstein widersetzte sich dem seiner Ansicht nach zu großen Einfluss amerikanischer Philanthropen auf akademische Fragen und befürwortete das deutsche Modell, in dem die Akademiker die entscheidende Stimme hatten. 1935 wurden wichtige Reformen durchgeführt, um Einsteins Forderungen nachzukommen. Einsteins langwährende Verbindung mit der Universität drückte sich auch darin aus, dass er 1950 in seinem Testament sein persönliches Archiv und seinen literarischen Nachlass der Hebräischen Universität vermachte.

Seit Ende der zwanziger Jahre plädierte Einstein für eine friedliche Koexistenz zwischen den arabischen und jüdischen Bewohnern Palästinas. Er war nicht der Meinung, dass die zionistische Bewegung irgendein moralisches Recht habe, in Palästina eine Heimat für die Juden aufzubauen, ohne mit der arabischen Bevölkerung zu kooperieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben