Zeitung Heute : Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht

LARS TÖRNE

Als die digitale Uhr an der Wand des Kontrollraumes im Berliner Kraftwerk Oberhavel vom 31. Dezember 1999, 23 Uhr 59, 59 Sekunden, auf den ersten Januar 2000, Null Uhr, umspringt, drücken die Pressefotografen auf ihre Auslöser und lassen sie eine Minute lang nicht mehr los. Als gelte es, die historische Sekunde festzuhalten. Aber die Uhr tickt einfach weiter, von Sekunde zu Sekunde. Auch den Computern, deren Bildschirme neben der Uhr an der Wand hängen, ist nicht anzumerken, daß sie soeben die Schwelle vom zweiten ins dritte Jahrtausend überschritten haben. Ohne die geringste Abweichung versehen sie ihren Dienst, zeigen gleichmäßig Graphiken und Zahlenreihen an, die für den ordnungsgemäßen Betrieb des Kraftwerks stehen. Von Computer-Crash und Stromausfall keine Spur.So unspektakulär kann der Jahrtausendwechsel sein. Vielleicht liegt das daran, daß diese Silvesternacht nur eine Simulation der Bewag war, veranstaltet mitten im Juli? Der Berliner Energieversorger hatte alle seine Funkuhren auf den Silvesterabend 1999 vorgestellt. Damit wollte man zeigen, daß die Kraftwerke der Stadt gegen das Jahr-2000-Problem gewappnet sind und im neuen Jahr keineswegs in ganz Berlin die Lichter ausgehen. Externe Fachleute wie der Hamburger Informatiker Klaus Brunnstein zweifeln allerdings an der Aussagekraft derartiger Jahr-2000-Simulationen (siehe Interview). Und auch die Angst der Berliner vor dem großen Stromausfall wächst. "Wir bekommen bis zu 500 Anfragen von Kunden im Monat, die sich Sorgen machen", sagt Stefan Keese, bei der Bewag zuständig für Informationsverarbeitung."Als wir 1998 unser Jahr-2000-Projekt begonnen haben, hatten wir ein schlechtes Gefühl", erinnert sich Keese. In vielen Computern und Mikrochips, die bei der Bewag benutzt wurden, war der Jahreswechel nämlich nicht vorgesehen. Da vom Datum nur die letzten beiden Ziffern gespeichert werden, hätte so mancher Rechner den 1. Januar 2000 mit dem 1. Januar 1900 verwechseln können. Keese: "Keiner wußte, welche Anlagen betroffen sein können, welche Fehler möglich sind." Bis zum Mai diesen Jahres wurden alle informations- und leittechnischen Anlagen analysiert. Keese und seine 50 Mitarbeiter forderten dafür auch Analysen der Anlagenhersteller an. Dabei fanden die Bewag-Techniker etliche potentielle Schwachstellen, wie Keese berichet.Viele Rechner hätten den Jahreswechsel im Ernstfall nicht korrekt verarbeitet und den Leitwarten völlig falsche Daten geliefert. "Dann hätten möglicherweise die Rauchgasentschwefelungsanlagen nicht mehr funktioniert, die Regelungstechnik im Kraftwerk Mitte wäre ausgefallen, oder ganze Kraftwerke hätten abgeschaltet werden müsen." Alle zwölf Berliner Kraftwerke mußten "ertüchtigt" werden, damit am 1. Januar die Lichter in der Stadt nicht ausgehen. 20 Millionen Mark investierte die Bewag in die Überholung ihrer Anlagen.Trotz dieser Vorsorge sind die Bewag-Experten an diesem Juli-Montag spürbar aufgeregt, ob bei der Simulation der Silvesternacht tatsächlich alles glattgehen wird. Ralf Redetzky, bei der Kraftwerksgruppe West für den Bereich "Erzeugung" zuständig, steht trotz der Klimaanlage im Steuerungsraum der Schweiß auf der Stirn. Immer wieder schaut er auf die Monitore an der Wand, auf denen die Meßwerte der Turbinen, Dampferzeuger und Hilfsaggregate des Kraftwerks angezeigt werden. "Die Minuten, bevor und nachdem die Uhr umspringt, sind schon ein bißchen aufregend", sagt Projektleiter Marcus Schönwälder. "Man kann ja nie hunderprozentig sagen, ob nicht doch irgend etwas vergessen wurde."Auch die beste Simulation könne nicht alle Faktoren bedenken, die beim realen Jahrtausendwechsel eine Rolle spielen. "Wir wissen ja jetzt noch nicht, ob die Telekommunikation reibungslos funktioniert, oder ob bei den Wasserwerken alles klappt." Und Kraftwerksmeister Udo Pawelczyk, der an diesem Tag die Simulationsschicht leitet, beantwortet die Frage nach möglichen Unsicherheiten knapp mit einem Satz: "Man steckt da nicht drin."

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